Seite - 143 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Bild der Seite - 143 -
Text der Seite - 143 -
AuchwerdenRomnjaundRomaalshandelndeAkteurInnenimZweitenWelt-
krieg vorgestellt, nichtnuralsOpfer.GezeigtwerdenWiderstandskämpfer,Ange-
hörige der Exiltruppen (Rose 2010, 136–138), aber auch „Selbstbehauptung und
Widerstand“ (Rose 2010, 282–289) im ‚Zigeunerlager‘ in Birkenau ist ein eigenes
Kapitelgewidmet.DarinwerdengeschmuggelteBriefegezeigt,Fluchtversuchege-
schildert undvorallemdieWiderstandsaktionvom16.Mai 1944 thematisiert, bei
der sichzuvorgewarnteHäftlingebewaffnetgegen ihreVergasungzurWehrsetz-
ten,ebensowiedannbeiderendgültigenLiquidierungdes ‚Zigeunerlagers‘ inder
Nachtvom2.aufden3.August1944.
Diesen Zugang begründet der Direktor des Dokumentations- und Kultur-
zentrumsDeutscher Sinti undRoma inHeidelberg, Romani Rose, imVorwort
desKatalogsexplizitmitden folgendenWorten:„ImZentrumderAusstellung
in Block 13 stehen die Biographien der von Verfolgung undVernichtung be-
troffenenMenschen. […] DiemenschenverachtendenTäterdokumentewerden
bewusst konfrontiertmit denZeugnissenderOpfer.“ (Rose 2010, 8)Dieser reflek-
tierte Umgangmit Fotografien gehtmaßgeblich auf FrankReuter, den langjähri-
gen Mitarbeiter ebendieses Dokumentationszentrums zurück, der mit Der Bann
desFremden.Die fotografischeKonstruktiondes ‚Zigeuners‘2016einStandardwerk
zudemThemavorgelegthatunddarinfesthält:
MitdemBemühen,dievordemanonymenOpferals Individuensichtbarwerdenzu lassen
unddieBlickmachtder Täter zubrechen,wirdeinnotwendigesGegengewicht zurDomi-
nanz der NS-Fotografien geschaffen. Zugleichwirkt die Binnenperspektive der Privatbil-
der auf die offiziellen Propagandafotos desNS-Staates zurück, zumBeispielwennbeide
Sphären im Rahmen einer Ausstellung gegeneinandergestellt werden. Die Intimität des
familiären Blicks desavouiert und delegitimiert den menschenverachtenden Blick der
Täterund schärft dasBewusstsein fürdie visuellenStigmatisierungsstrategienderNatio-
nalsozialisten. (Reuter2014,254)
ImSinneeiner ‚integriertenGeschichte‘sind imKatalogaberauchvonTäternge-
machteAufnahmenvonGewalt undTötungsaktionenenthalten, etwavoneiner
„ErschießungvonSinti undRoma im ‚Generalgouvernement‘durchAngehörige
der SSundderOrdnungspolizei“ (Rose 2010, 127). AuchPorträtaufnahmenvon
Tätern (keinenTäterinnen)werdengezeigt, ihre konkretenVerantwortlichkeiten
undVerbrechenbeschrieben– etwa jenevonOttoOhlendorf, der 1941und1942
die„EinsatzgruppeD“ leitete,die inderUkraineundaufderKrimauchTausende
vonSinti undRomaermordete (Rose 2010, 85), oder vonEngelbert Guzdek, der
„aufBefehlderGestapoMassenerschießungenvonRoma inSzczurowaundden
umliegendenOrten“ (Rose2010, 128)durchführte.Da logischerweiseeinSchwer-
punktderAusstellungaufdem ‚Zigeunerlager‘ inBirkenauliegt,werdendiehier-
für verantwortlichen „SS-Männermit übergeordneter Funktion“, aber auch die
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 143
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918