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„SS-Männer im ‚Zigeunerlager‘“soweitmöglichmitPorträtaufnahmebzw. späte-
rerbei ihrerVerhaftunggemachterAufnahmevorgestellt.102Denn,soReuter,
einAnsatz, der sich auf dasPrivatlebenderOpfer vor ihrerVerfolgung fokussiert, [birgt]
auchdieGefahr einer einseitigenEmotionalisierungundderÜberidentifizierungmit den
Ermordeten,wodurchdaseigentlicheZiel–diehistorischeAufklärung–unterminiert zu
werden droht. Denn zu einem tieferen Verständnis der nationalsozialistischenMensch-
heitsverbrechengehörenebenauchdieStrukturenderTätergesellschaft sowiedieMotive
undMentalitätenderTäter,TatbeteiligtenundZuschauer. (Reuter2014,254)
Schließlichwerden inderRoma-AusstellungauchdieantiziganistischenKonti-
nuitätennach1945klarbenannt,wennes imVorwortvonRomaniRoseheißt:
Viele der Täter, die für denVölkermord anunsererMinderheitmitverantwortlichwaren,
konntenbeiBehördenoder inderPrivatwirtschaft ungehindertKarrieremachen.DieDe-
portationen von Sinti undRoma in dieVernichtungslagerwurden als vorgeblich „krimi-
nalpräventiv“ gerechtfertigt, dieses Denken fand sogar Eingang in die Urteile höchster
deutscherGerichte. (Rose2010,9)
Neben der individualisierendenDarstellung vor allemder Opfer, in kleinerem
AusmaßaberauchderTäter,wird inderAusstellungwie imKatalogeinweite-
rer, weitaus streitbarerer Punkt stark gemacht: die Betonung einer ‚gleicharti-
gen‘Verfolgungvon JüdinnenundJudenundRomnijaundRoma.Dieswird im
Katalog zunächst postuliert: „‚Holocaust‘ bedeutet auch die Ermordung von
schätzungsweise 500.000AngehörigenunsererMinderheit imnationalsozialis-
tischbesetztenEuropa.“ (Rose 2010, 8) Später ist danndurchgehendvom „Ho-
locaust andenSinti undRoma“ (Rose 2010, 12) dieRede. Eswerdenunzählige
NS-DokumentezitiertundzumTeilabgebildet, indenenMaßnahmengegendie
jüdischeBevölkerungwie gegen Sinti undRoma in einemAtemzug verkündet
wurden. In gewissemSinn erinnert es andenSprachduktus desHolocaust-Ge-
denkzentrums inBudapest,wenn imKatalogbetontwird, dass„SintiundRoma
ebensowieJudendendiskriminierendenBestimmungender ‚NürnbergerRassen-
gesetze‘ unterworfen wurden.“ (Rose 2010, 25) Solche Formulierungen zeugen
von dem langen Kampf um die Anerkennung der Verbrechen an Romnja und
102 DieAusstellung stelltmit dieser Individualisierungder Täter aber auch imVergleichmit
denanderenLänderausstellungenundderHauptausstellungdesStaatlichenMuseumsAusch-
witz-BirkenaueineAusnahmedar,dennTäterkommenindiesenvorallemkollektivals„Deut-
sche“oder„Nationalsozialisten“vor.Sowerdenetwa inderpolnischenLänderausstellungmit
demTitelKampfundMärtyrertumderPolnischenNation 1939–1945keinePorträtfotos vonNS-
VerbrecherInnengezeigt,dieeinzigendreizeigenparadoxerweisesowjetischeVerantwortliche
für die Massenerschießung polnischer Offiziere in Katyn 1940 und finden sich neben einer
Briefmarke,dieKatynundAuschwitzgleichsetzt.
144 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918