Seite - 146 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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schenundestnischenOkkupationsmuseumerst indenvergangenenJahren,wor-
auf imKapitelüberdieneuestenEntwicklungenweiterunteneingegangenwird.
4.3.2 BetonungdesLeidensunterdemStaatssozialismus
und ‚containingnazism‘
DieMuseenderzweitenGruppeversuchennicht, imZugederEU-Beitrittsbemü-
hungen das Europäischsein ihres Landes unter Beweis zu stellen, sondern die
MuseumsvertreterInnenverlangen imGegenteil von ‚Europa‘, esmögedasLei-
den ihresLandes inder staatssozialistischenÄraanerkennen.ZudieserGruppe
zählendasMuseumderOkkupationen imestnischenTallinn, dasMuseumder
Okkupation Lettlands in Riga, dasMuseumder Genozidopfer in Vilnius sowie
dasHausdesTerrors inBudapest. In ihrenDauerausstellungenverläuftdieUn-
terscheidung zwischen ‚unseren‘Opfern, der Mehrheitsbevölkerung Estlands,
Lettlands, Litauens oder Ungarns, und den ‚anderen‘ – in dieser Gruppe der
Museenmeist den jüdischenOpfern, die als bedrohlich für die eigeneOpferer-
zählung begriffen und daher durch unterschiedliche Strategienmarginalisiert
werden.
4.3.2.1 DasMuseumderGenozidopfer inVilnius
Dies lässt sichamdeutlichsten imMuseumderGenozidopfer imlitauischenVil-
niusbeobachten,dasbereits oben imKapitel überdie 1990er Jahrekurzvorge-
stellt wurde. Es handelt sich hierbei um das „prominenteste und populärste
MuseumderStadt,dessenBeliebtheitunterTouristengardasNationalmuseum
2008kommensienur einmal inderFormulierung „Holocaust of the Jewsand theRoma insti-
gated by the Nazis“ vor. (Nollendorfs 2008c, 64) In der Ausstellung am neuen, temporären
Standort während des Umbaus des Museumsgebäudes findet sich ein neues NS-Dokument
einesOrtskommandantenmit derParole „Zigeunern ist dasBetretender Stadt Limbaži verbo-
ten.“ ImMuseumderOkkupationen inTallinnkamenRoma inder ständigenAusstellungaus
2003 nicht vor. In der von der neuenDirektorinViires koordinierten temporärenAusstellung
bzw. inderenGuidebookAttacksandMigrationsaus2014wirdauchdieVerfolgungvonRoma
erwähnt: „Approximately 400–1.000 gypsieswere executed in Estonia, including the people
from other countries.“ (Viires 2014, 14) Auch hier finden sich Stereotype: „Although the life
can be hard at times, the gypsies are a proud nation, they value their roots and do not hide
their origin.“ (Viires 2014, 38)AufderRomnjaundRomagewidmetenDoppelseite findensich
nebenFotosanonymerMenschenauchdieKZ-ÜberlebendenSlavaSmirnov,Boxtrainer, sowie
Mihhail IvanovundHarriFenge,Letzterer inklusive fröhlichemhistorischenFotomit Ziehhar-
monikaundheutigemFoto. (Viires2014,38–39)
146 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918