Seite - 147 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Bild der Seite - 147 -
Text der Seite - 147 -
übertrifft– inderStadt ist esgutausgeschildertundgiltnachderüblichenRei-
seführerskala als ‚sehr sehenswert‘.“ (Frankovic et al. 2010, 51; vgl.Wight und
Lennon 2007, 526; Makhotina 2011, 214) 2002wurde die Ausstellung über die
Jahre1939–1941biszumEndedererstensowjetischenBesatzungeröffnet, 2004
jene über den bewaffneten antisowjetischenWiderstand 1944–1953. Gleich zu
Beginnwerdendie beidenZugängedesMuseumsdeutlich: dasAusstellen von
Grauen und Leichen einerseits, von individuellen Opfern und HeldInnen als
TeileinerkollektivenOpfererzählungandererseits. ImEingangsbereichprangen
denBesucherInnen–ohneweitereErklärung–übergroßeAufnahmenanonymer
Skelette entgegen, sowie erkennungsdienstlicheAufnahmenpolitischerHäftlinge
ausdemSpezialarchivLitauens,dieauchdasCoverdesMuseumsguidesbedecken
(RudienėundJuozevičiūtė2006a), jedochnichtnamentlichbenanntwerden.
Der Audio-Rundgang führt in den Folterkeller, wo es vor einer Zelle über
die zweite sowjetischeBesatzungheißt: „Theoriginal cells of those years have
notsurvived.This recreatedcell showsasaccuratelyaspossiblewhatacell looked
like in the immediatepostwaryears.“105 IneinerZelle siehtmanGeschirr,Besteck
undHäftlingskleidung, dieMonsignoreAlfonsas Svarinskas, ein ehemaligerHäft-
ling,dessenerkennungsdienstlicheAufnahmenmanauchaufderAusstellungsta-
fel davor sieht, zurVerfügunggestellt hat.DieseKleidungwurdevonHäftlingen
inSpeziallagern sowie vonzumTodeVerurteiltengetragen,während indiesem
GefängnisHäftlingeihreeigeneKleidungtrugen.EsfolgeneineWasser-undeine
Gummizelle–derAudioguide schildert diegrausameFolterdurchdenKGB.Der
MuseumsdirektorweistaufFotografienvonLeichenhin:
AmEndedesKorridors befindet sichdie sogenannteOpferwand:Fotos zeigendie leblo-
senKörper vonPartisanen, diewährenddesPartisanenkampfes zwischen 1944und 1953
zurEinschüchterungder litauischenBevölkerungauföffentlichenPlätzenabgeladenwur-
den. (Peikštenis2005,137)
Die Fotos sind zwar nummeriert, aber es finden sich keine Informationenüber
die Getöteten. Der Keller hat Gedenkstättencharakter: „er setzt auf Affekte, er-
105 Seit 1940gabes50Gefängniszellen, späterweniger,wie imGuideausgeführtwird:„Only
at the beginning of the 1960s, when the anti-Soviet resistancewas broken,weremost of the
cells used to house theKGBarchives. The remaining 23 cells (later on, 19)were still used for
the imprisonment of dissidents and fighters for human rights.“ (Rudienė und Juozevičiūtė
2006a, 7)DieVerkleinerungdesGefängnisseswird imGuidezunächstnicht etwamit einer re-
pressionsfreieren Zeit in der Sowjetunion erklärt, sondern damit, dass es keinenWiderstand
mehrgab.AnneApplebaum(2003, 508–510)hingegenerklärt, dassnachChruschtschowsGe-
heimrede gegen den Stalinschen Personenkult im Februar 1956 das Gulag-System aufgelöst
wurde und Millionen Häftlinge entlassen wurden. Später im Guide ist dannmehrfach vom
„softeningof theregime“ (RudienėundJuozevičiūtė2006a:9, 15)nachStalinsToddieRede.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 147
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918