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sehen–Fotos,die fürdenGulagundenkbarwären.14der149historischenFotos
im Guide zeigen den Gulag: etwa einen Lagerhäftling mit Nummer auf Helm,
ArmundHose,Häftlinge inMinen, inVorkuta,Priester imSpeziallager Intaoder
weibliche politische Häftlinge in einer Kleiderwerkstatt im Yavas-Lager.109 Nur
neunder 378 visuellenElemente imGuide sindZeichnungen, aber imVergleich
etwa zu Theresienstadt fast gar keine Zeichnungen von Häftlingen, was ange-
sichtsdesallseitsbeklagtenMangels anNicht-Propaganda-FotosausdemGulag
(Kizny 2004) erstaunlich ist: nur die Zeichnung einer Kohlemine in Vorkutlag,
die einHäftling an seine Familie in Litauen schickte; die von einemunbekann-
temKünstler angefertigte Zeichnungeines Teilnehmers desRetchlag-Aufstands,
derbei dessenNiederschlagung 1953getötetwurde; sowiedieBarackendesNo-
rilsk-Lagers inden 1940ern findensich imGuide.110Das zentrale Symbol für die
Erinnerung andiese „Deportationen“ sind Zugwaggons,mit denendie Zwangs-
exiliertengenOstenverfrachtetwurden,wasnichtalsVersuchderGleichsetzung
mit demHolocaust zudeuten ist, sondernalshistorischeParallele–wennauch
mitunterschiedlichemZielundAusgang.„Some5,000childrendied in theexile.
Itwasoneof thedarkestpagesof thehistoryofdeportationsofLithuanians“, so
derGuide. (RudienėundJuozevičiūtė2006a,65)
FrauensindimGuideaufknapp50der182Fotoszusehenundzwar inunter-
schiedlichsten, ‚traditionellen‘wie kämpferischenRollen:Witwen, Ehefrauenbe-
deutenderMänner,Töchter,dieumihregetötetenVäter trauern,Lehrerinnen,
aberauchDemonstrantinnen, einmaleine,diePartisanInnenkinderaufnahm,
Dissidentinnen, Zwangsexilierte,malmit Kindern,mal bei der Zwangsarbeit,
mehrfachalsBotinnen (auch inderAusstellung),Lagerhäftlinge, einmalauch
109 Fünfder 14FotoswerdenHäftlingennamentlichzugeordnet, abernurbeieinemerfahren
wir, dass es 1959 imGeheimen in jenemRaumaufgenommenwurde, indemdieHäftlinge im
ArbeitslagerTaishetbeidenseltenenBesuchenihrerEhefrauenmitdiesenalleinseinkonnten.
(RudienėundJuozevičiūtė2006a,55)BeieinemweiterenerfahrenwirdenNamendesFotogra-
fen,abernicht,wieesentstehenkonnte.BeinureinerhistorischenAufnahme istdie Informa-
tionvollständig: zu sehen sind sowjetischeTruppen,wie sie am7. Juli 1949 zuDeportierende
inWaggons inGrūdiškės einladen.DerNamedesFotografen sowiedieTatsache, dass es sich
umeinGeheimfotohandelt,werdengenannt. (RudienėundJuozevičiūtė2006a,59) InderAus-
stellung findet sicheinmal inRaum5derHinweis, dasFotopolitischerGefangener inKolyma
sei 1955mit einer selbstgemachten Kamera im Geheimen aufgenommenworden, in Raum 6
einmal eine Geheimaufnahme von einer Deportationmittels LKWmit NameundKurzbiogra-
phiedesFotografen,derzu25 JahrenArbeitslagerverurteiltwurde.
110 Ansonsten sehenwir etwa eine Zeichnung von Stalinmit ausgestochenenAugen als Be-
weis fürAntistalinismusbeieinemProzess (auch inderAusstellung), einComic,dassichüber
Stalin lustigmachtoderdieZeichnungderSchlachtvonVarčia einesunbekanntenPartisanen
(auchinderAusstellung)undeineWiderstandszeichnungausVilniusaus1965.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 151
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918