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DieseAuslassungderNS-Zeit fällt imGuideumsomehrauf,alsdessenText
offenbar aus einer früheren Publikation entnommenwurde, in der die NS-Zeit
enthaltenwar.WennnämlichderGuidedarauf eingeht, dassnachdemerneu-
ten Einmarsch der Sowjetischen Armee der neunjährige Partisanenkampf zur
WiedererrichtungdesunabhängigenStaates begonnenhabe, fehlt der Kontext
zumVerständnisdesFolgendensowohl inder litauischenalsauch inderengli-
schenVersiondesGuides:
ThesecondSovietoccupationcaught the resistanceorganisationsofLithuaniaunawares.
Under the new conditions the Lithuanian FreedomArmy (LLA) aloneurged all itsmem-
bers to remain in the country, and took decisive steps to organise the resistance. They
changed the structureof theorganisation, collectedweaponsandrecruited fighters.Over
200members of the organisationwere sent to German intelligence schools expecting to
bepreparedforguerrillawarfare. (RudienėundJuozevičiūtė2006a,34)
Hiermuss ein Abschnitt über die NS-Besatzung und denWiderstand dagegen
herausgelöschtworden sein, denn eswird überhaupt nicht klar, wie die alten
Strukturen vor der Veränderung ausgesehen haben, dass also die LLA imDe-
zember 1941 gegründetwurde, aber keinenbewaffnetenWiderstand gegendie
NS-Besatzung aufnahm, sondernmit politischenunddiplomatischenMaßnah-
mendieWiederherstellungderUnabhängigkeiterreichenwollte.
In Bezug auf den Gulag lässt sich sagen, dass im litauischen Original in
AusstellungwieGuidevomsowjetischen lagerdieRede ist (RudienėundJuoze-
vičiūtė 2006b, 56),während inder englischenÜbersetzungder stärkermitNS-
Lagern gleichsetzende Begriff concentration camp verwendetwird. Das betrifft
sowohl denMuseumsguide (Rudienė und Juozevičiūtė 2006a, 56), den Guide
zurWanderausstellungWar afterWar (Rudienė 2005, 43) sowie Publikationen
desGenocideandResistanceResearchCenter, zudemdasMuseumgehört,wo
von „the Gulags, the USSR’s concentration camps, situatedmostly in Siberia“
dieRede ist. (KuodytėundTracevskiso. J., 5)113
113 AuchAnneApplebaumverwendet imStandardwerküber denGulagdiesenBegriff, führt
ihnaber imGegensatz zumGuideaus:„It certainly seems, for example, as if the termkontsla-
ger first appeared inRussianas a translation from theEnglish ‚concentration camp‘probably
thanks toTrotsky’s familiaritywith thehistoryof theBoerWar.“ (Applebaum2003,xxxiv)Der
Begriff selbst wurde zunächst selbstverständlich verwendet, so etwa von der 1928 vomPolit-
bürogeschaffenenundvonYansonangeführtenKommission,derenAufgabeeswar,„tocreate
a systemof concentration camps, organized in themanner of theOGPUcamps.“ (Applebaum
2003,48)Alsdann1931westlicheLänder ImporteausGulag-Produktionverboten, ändertedie
Yanson-Kommission den Begriff konclager in ispravitelno-trudovye lagerya (ITL), also correc-
tive-labor camps (Applebaum 2003, 60). 1952 war also in der Sowjetunion nicht mehr von
koncslageridieRede. Applebaumzieht zahlreicheParallelen zwischendemsowjetischenund
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 155
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918