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melymorbid.
Werangeblich fälschlicherweisevoneinemTodeslager sprach,woesdoch ‚nur‘
einArbeitslager gewesen sein soll, erfahrenwir nicht. Die regelmäßigen Selek-
tionen, todbringendenKrankheiten undHungerrationen imKZKloogawerden
nicht erwähnt.Wir lernen auch nichts darüber, dass in Estland vor demKrieg
0,4ProzentderBevölkerung,also4.434Menschen jüdischwaren. (Weiss-Wendt
2013, 195)Die große sowjetischeDeportationswelle vom15.6.1941, bei der auch
415 Jüdinnenund Juden,also zehnProzentder jüdischenBevölkerungEstlands
zwangsverschicktwurden (Salo 2007, 4), erwies sichals lebensrettendeRepres-
sionsmaßnahme. ZweiDrittel (Katz 2012, 9) bis dreiViertel (Weiss-Wendt 2009,
48) von ihnen überlebten. Von den rund 1.000 Jüdinnen und Juden, diewäh-
rendderNS-BesatzungausAlters-oderKrankheitsgründenzurückblieben,über-
lebtenur eineHandvoll. Die JüdischeGemeinde inEstlandbefürwortet darüber
hinaus denpräziserenBegriff ‚Holocaust auf demGebiet desNS-besetzten Est-
lands‘ (Katz 2012),wasnichtnurdieVernichtungder rund 1.000estnischen Jü-
dinnenund Judenbeinhaltet, sondern auch jene von etwa 15.000Deportierten
(Mark2008,368)ausTschechien,Deutschland,Litauen,Frankreichundvonan-
derswoindenKonzentrationslagernundMassenexekutionsstätten.
Wirerfahrenauchnichtsüberdie1941nochinEstlandlebenden743Romnja
undRoma,vondenenbis 1944diemeistenermordetwurden.Vorallem ‚Umher-
ziehende‘warenzuBeginnvondenNazis verfolgt, dochbis 1943dannauchdie
zuvor als sesshaft und produktiv eingestuften. Sie wurden ins Arbeitslager auf
demGutHarkuoder ins Tallinner Zentralgefängnis gebracht undvermutlich im
WaldgebietKalevi-Liivaexekutiert. (Weiss-Wendt2009, 144–146;Birn2001, 195–
196;Hiio,MaripuuundPaavle2006,XIX)
Die imVideovielfachbemühtenehemaligenSchüler erzählenhingegenstolz
davon,wie sie endlichals FreiwilligederWehrmachtbeitretendurften.Unmittel-
barnachdenAufnahmenderaufgeschichtetenLeichensehenwirFotos fröhlicher
estnischer Freiwilliger und der Erzähler erklärt, worin aus Sicht der estnischen
Mehrheitsbevölkerung zunächst das Problem bestand: „At the beginning of the
war,highandmightygreaterGermanydidn’tneedany reinforcementsof itsmili-
tary forces. Estonian volunteers were assigned to patrolling the rear in Russia.“
Schließlichdurften sie danndochauchderWaffen-SSbeitreten, „twoof us from
ourvillage“,wieunsEmilAlessmaerzählt. (Radonić2016b, 193) ImGegensatzzur
Personenangabe inderDokumentationwar er alsonichtbei der „Germanarmy“,
sonderngenauergesagtbeiderWaffen-SS.Daspostsozialistische,antikommunis-
tischeNarrativ ist hier so prägend, dass in einer Ausstellung von 2003, also ein
JahrbevorEstlandderEUbeitrat,dieMitgliedschaft inderWaffen-SSstolzalsdas
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 167
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918