Seite - 175 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Bild der Seite - 175 -
Text der Seite - 175 -
Themuseum emphasizes the fact that therewere two occupations. […] Nazi occupation
mustnotbemisunderstoodtobe liberation.Nazipolicieswereclear.Latviawas to thema
conquered country, a part of the Soviet Union. Germans ruled it as Ostland; the Latvian
Self-Administrationwasdeniedanygovernmentalattributesor functions.
(Lazda2008,12)
WährendderdeutschsprachigeKatalogausführlicheraufdieNS-Repressionenein-
geht,macht aber auchdieseAusstellung in fast jedemAbschnitt über dieNS-Be-
satzungdeutlich,dassdiesewenigerschlimmgewesensei:Verlagekonntentrotz
Zensurwiederpublizieren, 193 lettischeKünstlerInnen 1943eineAusstellunger-
öffnen, Zeitungsausschnitte zeigen lettische Kunstausstellungen. Bezüglich der
NS-Kolonialpolitikwirdbetont,dassdiegeplanteAnsiedlungvonDeutscheners-
tens wegen des Krieges scheiterte und zweitens die Sowjets mit 700.000Men-
schen ein Vielfaches ansiedelten. In Bezug auf dieWirtschaftspolitik heißt es,
dass vieleVerstaatlichungsmaßnahmender Sowjets vondenNaziswieder rück-
gängiggemachtwurden.DerKatalogstelltdashingegenvielkritischeralsPropa-
gandamaßname der Nazis dar (Nollendorfs 2010, 57). In der Ausstellung findet
sich nur in einem Satz der wichtige Hinweis, dass auch während der NS-Zeit
ZwangsarbeiterInnen aus Lettland nachDeutschland deportiert wurden –was
einenstarkenKontrast zumFokusauf sowjetischeZwangsverschickungendar-
stellt.VondiesenNS-ZwangsverschickungenwarenstärkerrussischsprachigeBe-
völkerungsteilebetroffen,etwaimZugeder„Lettgallenaktion“1942,beider rund
8.000MenschennachDeutschlanddeportiertwurden.DieNS-Zeitkannalsweni-
ger schlimmdargestellt werden, da die Perspektive desMuseums auf die ethni-
schenLettInnenfokussiertbleibt.DerTonändert sich inderAusstellungerst,als
dieRoteArmeeLettlanderreichtunddieNazisetwaFacharbeiter fürdieKriegsin-
dustrienachDeutschlandverschleppen. ImKatalogwirdhingegenauchdie jüdi-
schePerspektiveeingebrachtundexplizitmitderethnisch-lettischenverglichen:
Für die jüdischeBevölkerung Lettlands stellte die Sowjetmacht ohne Zweifel das kleinere
Übeldar.DernationalsozialistischeTerrorkonzentriertesichvollundganzaufsie imallge-
meinen. Nach dem kommunistischen Terror erschienen vielen Letten dagegen die Unter-
drückungsmechanismenderNationalsozialistenweniger brutal und eine Zusammenarbeit
auf die eineoder andereWeise imKampf gegendas als solcheswahrgenommenegrößere
kommunistischeÜbeleherannehmbar.“ (Nollendorfs2010,61)
Doch der einzige bewaffnete, der ‚rote‘Widerstand gegen die NS-Besatzung
wird imKatalognegativcharakterisiert:
ImRückenderFrontwaren inLettlandauchsogenannte ‚rotePartisanen‘aktiv.Dabeihan-
delte es sich nichtmehrheitlich umEinheimische, wie später die sowjetische Geschichts-
schreibungvorgab,sondernzumüberwiegendenTeilumausderUdSSRentsandte,vonihr
geschulte und gesteuerte Kämpfer, die vor allem imOstteil des besetzten Lettland, in der
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 175
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918