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EndphasedesKriegesauchinKurlandoperierten.BrutaleStrafaktionenderNazis richteten
sich gegendie Zivilbevölkerung, dermanvorwarf, versprengteRotarmistenunddie roten
Partisanenzuunterstützen. (Nollendorfs2010,66)
BewaffneterWiderstandvondieserSeitewirdalsokeinesfallsalsheldenhaftdar-
gestellt, sondern als von außenhereingetragenund tödlich für ‚uns‘ LettInnen.
Einzigdie „nationalenWiderstandsgruppen“werdenals Identifikationsfigur an-
geboten.Sie setzten sichdemKatalog zufolge (unbewaffnet) fürdie „Wiederher-
stellungdesunabhängigendemokratischenStaates ein“ (Nollendorfs 2010, 68),
wie eswiederholtheißt–was jedochandieserStelle imGegensatz zusonst ver-
schleiert,dassLettlandvordemZweitenWeltkriegkeineDemokratiemehrwar.
ImGegensatzzumestnischenBeispielzuvorübernimmtdieAusstellungdie
NS-Propagandakeinesfalls unhinterfragt,wenndarauf hingewiesenwird, dass
Material überdensowjetischenTerror verzerrt inderPublikationüberdas Jahr
desGrauensaus 1942präsentiertwurdeundNS-Propagandawährendder gan-
zenNS-Zeit indiesemSinnweiter betriebenwurde.Nollendorfs schreibt ferner
dazu:
Even Jewish sources agree that leftists among the Jewish populationwere active in the
occupation,butpointout that thisdidnotapply tomostof theJews inLatvia.Nazipropa-
gandists, however, later exploited Jewishparticipation in theCommunist takeover to ac-
cuse theentire Jewishminority inLatviaofbeingBolshevik.
(Nollendorfs2008,31,vgl.Radonić2016b,198)
Die einheimischeMitverantwortung für denHolocaustwird einerseits klar einge-
standen. Andererseits liegt der Fokus auf demAbstreiten jedweder lettischer
EigeninitiativewährenddesHolocaustundderBeteuerung,„historicallyanti-
SemitismhasnotbeenwidespreadinLatvia“.122DerentsprechendeAusstellungs-
abschnitt heißt „Der von denNazis organisierte Holocaust“. Die verschiedenen
Instanzender deutschenBesatzungsmachtwerden ausführlich undpenibelst
122 Der Katalog ist hier präziser: „Der jüdischeHistoriker LeoDribins hebt anerkennend die
tolerante Haltung der lettischen Bauern gegenüber den Juden hervor. Zu vereinzelten Fällen
vonAntisemitismusinder lettischenGesellschaftkameserst inderzweitenHälftedes19. Jahr-
hunderts.Andersals inRußlandgabesinLettlandindenachtzigerJahrendes19. Jahrhunderts
keinerlei antijüdischePogrome. […]Wieandernorts inEuropakamindenzwanzigerunddrei-
ßiger Jahrenauch inLettlandein sowohlwirtschaftlicherwie auch rassischerAntisemitismus
auf. Mehrere Organisationen, darunter die extrem nationalistische Pērkonskrusts (Donner-
kreuz), vertraten offen antisemitische Ansichten. Dennoch genossen die Juden in Lettland
immer denSchutz des Staates, selbst unter der autoritärenAlleinherrschaft vonKārlis Ulma-
nis.“ (Nollendorfs2010,55)
176 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918