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cutioners, accomplices, beneficiaries, eyewitnesses and bystanders.“ (Gundare
2002, 17)AntisemitischeNS-PropagandaundihrErfolg inLettlandwerdeneiner-
seits thematisiert, andererseits als StärkungdesBewusstseinsvonder jüdischen
MitwirkungankommunistischenVerbrechenverharmlost.
Die antisemitische Propaganda der Nationalsozialistenmit ihrer Hetze gegen den soge-
nannten „jüdischen Bolschewismus,“ die praktisch alle Judenmit Bolschewiken gleich-
setzteund sofort nachdemEinmarschderBesatzungstruppenbegann, führte zwarnicht
zudenvondenNationalsozialistenerhofften Judenpogromenund -morden.Dochsiehalf
dasBewußtsein von jüdischerMitwirkungandenkommunistischenGewalttaten zu stär-
ken und die Teilnahme von Letten an Judenvernichtungsaktionen zu rechtfertigen. Ob-
wohldieLettenandiesemVerbrechennicht kollektivmitgewirkthaben, sowardochdie
langjährigeRelativierungundVerdrängungdiesesVerbrechensausdemöffentlichenBe-
wußtseinkollektiv. (Nollendorfs2010,67)
Der Ausstellung zufolge hätten viele zu helfen versucht: „Viele versuchten den
Juden imGhetto zu helfen, z.B. durch Zustecken von Lebensmitteln. Dennoch
verhält sicheingroßerTeil passivgegenüberdenGeschehnissen.“Lazdaspricht
sich gegen Kollektivschuld – offenbar sowohl der LettInnen im Holocaust als
auchinFormeinerDämonisierungderrussischsprachigenBevölkerung–aus.Es
gehevielmehrum
recognition that criminal regimes and individuals, andnot peoples, ethnic groups or so-
cial classes bear responsibility for crimes committed during the occupation period. […]
The two aggressive powers occupied Latvia, destroyed existing social structures, tra-
ditions and ethic norms, thus creating an environment in which individual crimes and
collaboration with the occupants became possible. […] The museum rejects accusations
against theLatviannation in the crimeofHolocaust, and it doesnot accuseanyotherna-
tioninthecrimeofoccupation. (Lazda2008,12)
SobaldwirnichtnurnachdenUnterschiedenzwischenderDarstellungderBesat-
zungenaufTextebene, sondernauchnachdervisuellenundObjektebene fragen,
zeigtsichauchindiesemMuseumeinbereitsbekanntesMuster:derunterschiedli-
cheUmgangmit den individualisiert undvoller Empathie dargestellten ‚eigenen‘
im Gegensatz zu den ‚fremden‘Opfern. In der Ausstellung aus 1998, wie sie
bis 2012 zu sehen war, dominierten nach dem Teil über den Hitler-Stalin-Pakt
1939Vitrinenmit zahlreichenGegenständenderOpferdieAusstellung. (Abb. 33)
SiewerdenmeistnamentlichzugeordnetunddurcheineKurzbiographieergänzt:
NummerderVerhaftetenEmīlijaBērzina:B-2-168. Siewurdeam25.März 1949 indasGe-
biet Tomskdeportiert. Dortwurde sie für das Singen,UmschreibenundVerbreiten letti-
scher Lieder unter den deportierten Letten verhaftet. Das Gericht verurteilte sie zu zehn
JahrenZwangsarbeitslager.DieStrafehatsienördlichdesPolarkreises inAbesaverbüßt.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 179
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918