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DiefürdieseMuseengruppetypischeGleichsetzungderSymbolebeidertota-
litärenRegimebeginnthierbereitsamDachsims,woPfeilkreuzundSternneben
demWort ‚Terror‘eingestanzt sind,unddurchziehtdasganzeMuseum,denKa-
talog und die Museumswebseite. Krisztián Ungváry (2011a, 221) zufolge werde
dadurch „die Darstellung gleichsam zu einer Karikatur der beabsichtigten ver-
gleichendenWürdigung der Totalitarismen, die ja gerade die Zusammenhänge
erklärenwill, ohne alleMaßnahmenundManifestationendesTerrors unterein-
ander gleichzusetzen.“ Die Darstellung beider Regime liegt aufgrund der Ge-
schichte des Hauses auf der Hand. Dochwie schon für die oben dargestellten
baltischen Museen ausgeführt, entpuppt sich dieser ‚Vergleich‘ auch hier zu-
nächst als symbolische Gleichsetzung und bei näherer Analyse bloß als Folie,
vor deren Hintergrund der Staatssozialismus als das größere Übel dargestellt
wird, wofür die Erinnerung an denHolocaust ‚entschärft‘ und ‚eingedämmt‘
werdenmuss.„Diekurze, jedochschwereVerluste forderndeBesetzungdurch
dieNaziswurdevonderMachtder Sowjets abgelöst, die sich für einen länge-
ren Zeitraum einrichteten“, so der deutschsprachige Katalog. (Schmidt 2003,
7)Révhat jedochdaraufhingewiesen,dassdieseBegründungdes ‚schlimme-
renÜbels‘einenHakenhat:
It is as if theArrowCrossnever intended to settle downuntil the endof time („resurrec-
ting the thousand-year empire“), as if that party had beenmeant just as a short inter-
mezzo, in contrast to thedeviousCommunists,who intended to rule for longandpainful
decades. Incidentally, the textdoesnotmention that therewasaconnectionof sortsbet-
weentheendof theArrowCrossruleandtheentryof theSoviets. (Rév2008,64)
Wieschonvielfach inderLiteratur festgehaltenwurde, sindderPfeilkreuzlerIn-
nen-Herrschaft nur zweieinhalbRäume,der kommunistischenÄra jedochüber
zwanzig Räume gewidmet. (Blutinger 2010, 83;Manchin 2015, 239; Hanebrink
2013, 280; Radonić 2018b, 132) Der Grad an Emotion, mit der die Verbrechen
dargestellt werden, weicht stark voneinander ab. Die von den PfeilkreuzlerIn-
nenbetriebeneFolterwirdauffällignüchterngeschildert:„ImWinterdes Jahres
1944foltertendiePfeilkreuzler indenKellerndiesesGebäudesmehrerehundert
Menschen.“ (Schmidt 2003, 5)Hingegenheißt es inBezugaufdie sozialistische
ÁVH auf derselben Katalogseite: „Im Kellerlabyrinth des Hauses erfolgte die
Folterungder Inhaftiertenaufdie schierunvorstellbarstenundschrecklichsten
Weisen.“ (Schmidt 2003, 5) Dementsprechend sind auch Folterwerkzeuge der
scher Zusammenfassungenüber jedenRaumundkürzlich auchmit Tablets und einerApp in
verschiedenenSprachenalsErgänzung.
188 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918