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beiden SS-Uniformen, die zahlreichenGemälde des sozialistischen Realismus,
Alltagsgegenstände wie Glühbirnen oder Putzmittel, schließlich Replika der
Folterinstrumente in der einzigen original erhaltenen Zelle im 1. Stock. Die
umfassende wissenschaftliche Literatur zu diesemMuseum betont zu Recht
dieDominanzdieser erstenArtdesEinsatzesvonObjekten.Dochandererseits
fördert eine detaillierte Analyse auch klar als solche gekennzeichnete Origi-
nalobjekte zu Tage, die in Schaukästen in einigenwenigenRäumenderAus-
stellunguntergebracht sind. Im ‚Gulag-Raum‘ finden sichKreuze,Briefe, z.B.
an die Eltern eines Gefangenen sowie einer von Solchenitzyn und einer von
seiner Frau, ein besticktes Taschentuch oder eine Trinkflasche, die der Sohn
einesHäftlingsdemMuseumschenkte, eine Jesusfigur einesPfarrers oder ein
Gebetstext inhebräischerSchrift.
Im ‚Raum der Religionen‘ sind den in Schaukästen angeordneten Gegen-
ständen, „die an das Schicksal der zu den verschiedenen Konfessionen gehö-
rendenVerfolgtenerinnern“ (Schmidt 2003,48), diepräzisesten Informationen
beigefügt. So findet sich hier etwa die Kluft eines hingerichteten Priesters der
lutheranischen Kirche. Interessant ist, dass auch die Namen des Richters und
Anklägers im vorangegangenen Prozess angegeben sind, sodassman die bei-
denaufder ‚GaleriederTäter‘ausdemJustizbereich identifizierenkann.Neben
Kreuzen, einemPriesterumhang oder Jesus- undMariafiguren finden sich hier
auch einige jüdische Reliquien: ein siebenarmiger Leuchter, ein Talmud, eine
KippasowiedasRabbigewandeinesSpenders aus Israel.Meist ist hier angege-
ben, woher die Gegenstände stammen, etwa von einer zerstörten Mönchsge-
meindeoder, in vielenFällen vonderMindszenty-Stiftung, benannt nachdem
Kardinal,dessenGewandsieebenfallszurVerfügunggestellthat.
DerSchaukasten im ‚Internierungs-Raum‘ imKeller istbeides,Behältnis für
Originalobjekteund Installation:Die indieWandeingelassenenWellen laufen
so auf den Schaukasten zu, dass sie wie ein Heiligenschein für die in gelbes
Lichtgetauchten„imLager“angefertigtenErinnerungsgegenständewirken:ein
Feuerzeug, ein Brillenetui, ein Kreuz oder eine auf Zigarettenpapier geschrie-
bene „Zeitung“. In einerVitrine imKeller findet sich schließlichaucheinOri-
ginal-Wandstück aus einem anderen Gefängnis, in das die Tage als Striche
eingeritzt sind,dieeinHäftlingdortverbrachthat.
ImGegensatzzuvielenObjektenderOpferenthaltendiesechsSchaukästen
mitGegenständenderTäterInnenimRaumüberdie1950er JahrekeineInforma-
tionen über die Herkunft der Objekte. Auch hier werden wieder Replikas mit
historischen Objekten gemischt. Die Schaukästen beinhalten persönliche Ge-
genstände, eine Auszeichnung für sowie das Parteibuch von Gábor Péter und
eineLupe, die auf seinenEintrag imTelefonbuch zeigt, aber auchPropaganda
undFolterwerkzeuge,zweiPistolen,HandschellenundeinenSchlagstocknicht
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 193
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918