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Museumswebseite fand sich zunächst der nach heftiger Kritik entfernte Satz
überdiemitderdeutschenBesatzung imMärz 1944eingetreteneVeränderung:
„The new, collaborating Hungarian government no longer guarded the life of
its citizens with Jewish origin.“ (Zit. n. Rév 2008, 61) Die Erklärungen für die
Unterrepräsentiertheit des Holocaust sind aus den estnischen und litauischen
Museen oben bereits bekannt:Museumsdirektorin Schmidt begründet sie „mit
denkaumvorhandenenDokumentenunddamit, dassdieDarstellungderVor-
geschichte und des Holocaust in den Aufgabenbereich eines Holocaust-Muse-
ums fiele.“ (Zit. n.Fritz 2008, 137; vgl.Csillag 2002, 33;Radonić 2014d, 17) 1999
hatSchmidtdieBedeutungdesHolocaustsoeingeschätzt:
ImZweitenWeltkrieggingesnichtumdas Judentum,umdenVölkermord.So leidesuns
auchtut:DerHolocaust,dieAusrottungoderRettungdesJudentumswareinnebensächli-
cher, sozusagenmarginalerGesichtspunkt,derbeikeinemderGegnerdasKriegszielwar.
[…] Esmuss auch festgehaltenwerden, dass die Alliierten Nazi-Deutschland auf keinen
Fall deshalb den Krieg erklärt hatten, umdie geplante völkermörderische Politik gegen
die Juden zu verhindern. Sie hattenweder vor, dieVertriebenen aufzunehmen, noch sie
zu schützen. Daher ist für sie nichts Außergewöhnliches,mit anderenWorten Einzigar-
tiges,passiert.“ (Schmidt1999)
ZumVerständnisderGeschichtedesHolocaust inUngarnmussmanmitderkom-
plexenGeschichtedesLandes imJahr 1944vertraut sein:Als sicheineNiederlage
der Achsenmächte abzuzeichnen begann, sondierte das ungarische Staatsober-
haupt,MiklósHorthyeinenWechselUngarnsaufdieSeitederAliierten.Umdem
zuvorzukommen,marschierte dieWehrmacht imMärz 1944 (friedlich) inUngarn
ein.HorthybliebimAmtundeswurdeeinedeutschlandfreundlicheRegierungge-
bildet. ImGuide liest sichdashingegenso:„EineMarionettenregierungwurde in-
stalliertundmangingdaran,dieMoralderungarischenGesellschaftzubrechen.“
(Schmidt 2003, 7)DieDeportationenvon JüdinnenundJudennahmen– imeuro-
päischenVergleichspät– imMai1944volleFahrtauf,alsonochunterHorthy.Die
Verschickung von rund 500.000 Jüdinnenund Juden vor allemnachAuschwitz-
Birkenau begannmit orthodoxen Gemeinden an der Peripherie. Als die weitge-
hendassimiliertenBudapester JüdinnenundJudenanderReihewaren,besaß
Horthy noch genügendAutorität und stoppte die Deportationen. Auch setzte
er EndeAugust die vonDöme Sztójay angeführte „Marionettenregierung“ ab
undseinenVertrautenein.Erst als imOktober 1944UngarneinenWaffenstill-
standmit den Alliierten ankündigte, Horthy abgesetzt wurde undHitler das
Pfeilkreuzler-Regime installierte,wurdenweitere 76.000 Jüdinnenund Juden
deportiert und die noch verbliebenen jüdischen EinwohnerInnen Budapests
ghettoisiert.
DasMuseumbetont hingegen vereinfachend inBezug auf die Deportation
ungarischer Jüdinnenund Juden, diesehabeunter der „deutschenBesatzung“
196 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918