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stattgefunden, ohnedassdeutlichgemachtwird,dassdasbereitsunterHorthy
undnichterstwährendderPfeilkreuzler-Herrschaftgeschah. (SeewannundKo-
vács 2006a, 53) „Nach der Besetzung begann, unter Mitwirkung der ungari-
schenBehörden,dieRegelungder JudenfrageaufnationalsozialistischeWeise,
nahmdie ‚Endlösung‘ ihrenLauf“, soderKatalog. (Schmidt 2003, 7)Die zweite
Erwähnung ungarischerMitverantwortung liest sich so: „Die neue Regierung“
lieferte die Juden „demmörderischen Rassenhass der Nazis aus.“ (Schmidt
2003, 9) Imspäteren, 2008publiziertenenglischsprachigenKatalog sowieauf
denSchwarz-weiß-Kopien inderAusstellung findet sich fernerauchnochdie-
ser entscheidende Zusatz, der die Ausblendung des Antisemitismus desHor-
thy-Regimes im Vergleich zur deutschen Version aus 2003 abmildert: „The
Jews,whohadalready suffered from the restrictionsof the JewishLawsenac-
ted in 1938, 1939 und 1941, were now in direct peril of their lives.“ (Schmidt
2008,7)BeieinerFührungAnfang2014behauptetederGuide,unterdenPfeil-
kreuzlerInnenseien Juden„massenweise“deportiertworden,wodurcherneut
verdeckt wird, dass bei Weitem die meisten unter Horthy deportiert worden
waren. Dieser Verschleierung sitzt dann auch die eine oder andere wissen-
schaftlicheAnalyseauf,wennesetwaheißt:„TwooftheHouse’sroomsarededi-
catedtothefascistatrocities thatkilledover600,000Jewish,Romaandleft-wing
citizens ofHungary“ (Virag 2006, 106, vgl. auchSodaro 2018, 60), doch für die
meistenOpferwarenebennichterstdiePfeilkreuzlerInnenverantwortlich.
UngarnwirdeinerseitsalsOpfer fremderMächte,der ‚doppeltenBesatzung‘
dargestellt. Andererseits werden auch ungarische Täter thematisiert und zwar
erstens die als „ungarische Nazis“ bezeichneten PfeilkreuzlerInnen, die dann
angeblich nach demKrieg ihre Pfeilkreuzler-Uniformen aus- und die kommu-
nistischenUniformen angezogenhätten–was in einemVideo von Schauspie-
lern wie eine Art Burleske (Népszabadság, 2.3.2002) sogar nachgestellt wird,
jedoch ohne faktischeGrundlage eine Kontinuität der beidenRegimeund ihrer
Schergen insinuiert. (Ungváry 2006, 213; 2010, 156–158; 2011a, 226)135 Zweitens
erörtert dieAusstellung–merkwürdigerweise imReligionen-Raum–, dassunter
denAnführern der UngarischenVolksrepublik und der politischen Polizei viele
Judenwaren:
Unter den Führern der kommunistischen Partei und in den Terrororganisationen (PRO,
ÁVO,ÁVH,KATPOL,GRO) fanden sichnämlich inbeträchtlicher ZahlKommunisten jüdi-
135 Vielmehrwurden nachKriegsende 1945 Pfeilkreuzler im Foltergefängnis befragt und ge-
foltert. (Rév2008,62) 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 197
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918