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UndumdieGeschichtenochkomplizierterzumachen,wasdasMuseumje-
dochnicht tut,gibtesauchBiographienwie jenevonLászlóRajk,der imSpani-
schenBürgerkrieg gekämpft undals Sekretär des Zentralkomiteesder illegalen
KPvondenPfeilkreuzlerInnen verhaftet und vonderGestapo gefangen gehal-
tenwurde.AlsdieKommunistInnendieMachtübernahmen,wurdeer Innenmi-
nister, und in dieser Funktion hat er das Gebäude in der Andrássy út 60 oft
besucht. Schließlichwurde er aber dann in einemSchauprozess 1949 selbst als
„Titoist“ zumTodeverurteilt undhingerichtet. (Buden2009, 195)WennSchmidt
(2005, 168) also sagt:„NachunsererAuffassungverläuft dieTrennlinie lediglich
zwischenTätern undOpfern“, so lässt sich diese Klarheit nur aufrechterhalten,
indemmandemantikommunistischenNarrativVorrang vor allemanderen ein-
räumt.Diesgeschiehtunzweifelhaft,wenn letztlichauchderAnführerderPfeil-
kreuzler-Bewegung,FerencSzálasiundseinStellvertreter imKelleralsOpferdes
Kommunismusausgestelltwerden.
ImMuseumskatalogaus2003wirdderautoritäreundantisemitischeCharak-
ter desHorthy-Regimes ausgeblendet und eswird als funktionierendesMehr-
parteiensystem charakterisiert: „1944 standen an der Spitze des Landes ein
gewähltes, legitimes Parlament und eine ebensolche Regierung, oppositionelle
Parteienwaren legal tätig, ihreAbgeordneten saßen indenVertretungen. Trotz
der kriegsbedingtenBeschränkungen gab es die Pressefreiheit. Die ungarischen
Bürger lebtenbesserund freier als ihreNachbarn.“ (Schmidt 2003,6–7)Über-
raschend ist hingegen die Ausführung über die große Unterstützung für die
Pfeilkreuzler:
SzálasishungaristischeBewegungwuchsdurch ihr sozialesProgramm, ihreantijüdische
und nationalsozialistische Demagogie sowie ihren Radikalismus – nach der Einführung
des geheimenWahlrechts– zu einer bedeutendenpolitischenKraft an.Dochohnedeut-
scheHilfeundUnterstützunghättesieniezueinemRegierungsfaktorwerdenkönnen.“
(Schmidt2003,10)
Doch solche das Narrativ verkomplizierenden Stellen bleiben in Ausstellung,
GuideundMuseumswebseitedieAusnahme.
Schließlich kann noch festgehaltenwerden, dass die Eröffnung desMuse-
ums im Nachhinein betrachtet tatsächlich zu einer Fidesz-‚Abschiedsparty‘
wurde.UnterdervondenSozialistInnenangeführtenRegierungwurdedann–auf
Betreiben des Bundes Freier Demokraten – das Budget reduziert. Dies interpre-
tierte etwa Olga Kovacs, deren Vater in demGebäude gefoltert wordenwar, als
einenpolitischmotiviertenVersuchdesVersteckensder schrecklichenGeschichte
des Hauses: „This exhibitionmakes the details terribly clear, and some people
don’t like that. Don’t forget thatmanyof the torturers in this place are still alive
and living inHungary.Theydon’twantpeople tobe remindedofwhat theydid.“
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 199
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918