Seite - 200 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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(Zit. n. Eggleston 2003) Einer der FreienDemokraten, die die ReduktiondesMu-
seumsbudgets durchgesetzt haben,war Iván Pető, Vorsitzender des Kulturkomi-
tees imParlament,dessennoch lebenderVaterwieschonerwähnt inder„Galerie
der Täter“ alsMitglied desÁVHgenanntwird. (Eggleston 2003; Fritz undWezel
2009,240)AußerdemgestandPremierPéterMedgyessynachderWahl,dasser in
der sozialistischenÄraOberleutnant der Spionageabwehr gewesen sei, doch das
kostete ihnnicht seineKarriere. (Kovács2003, 158;Ungváry2006,217)Aufder
einen Seite steht also der Fidesz-Propagandacharakter desMuseums, auf der
anderen der wahre Kern der unaufgearbeiteten staatssozialistischen Verbre-
chen, denen die Sozialistische Partei selbst nach 1989wohl nie einMuseum
gewidmethätte.
JedenfallsbliebdasMuseumbisheuteunverändert.ÉvaKovácswendetgegen
dieThesevonderBudgetkürzungalseinemVersteckenderVerbrechenaußerdem
nochein,dassdasBudgetdesMuseumszuvordreimal sogroßwarwiedaseines
vergleichbaren staatlich finanziertenMuseums (Kovács 2003, 167),wasnochmals
seinen Charakter als Fidez-‚Identitätsfabrik‘ unterstreicht. Heute, siebzehn Jahre
nachMarkPittaways(2003,17)DiagnoseüberdieVerwendungderGeschichtesei-
tensderFidesz-Regierung,erweistsichdiesealsweitblickend:
Given theconnectionsmadebetween the legitimacyof theOrbángovernmentandpropa-
gandistic views of the past, it was clear that, in the event of its reelection, research and
publication in the field of contemporary historywould have become all but impossible.
As Iwroteat the time,governmentuseof the recentpast„seems to representa regressive
stepaway fromthepositivedevelopmentsof the first eight yearsof the systemchange in
thedirectionofanewformofauthoritarianism.
DasFlaggschiff FideszscherGeschichtspolitikwaralsoeineVorwegnahmespä-
tererEntwicklungen.
Zusammenfassend lässt sichsagen,dass indiesemzentralenKapitel zuerst
dreiMuseender ‚AnrufungEuropas‘undderBemühungumdenBeweisdesEu-
ropäischseins zugeordnet wurden. Dann habe ich die Zugehörigkeit von vier
weiterenMuseen zur zweiten Gruppe herausgearbeitet, die um internationale
Anerkennung des eigenen Leidens unter sowjetischen bzw. staatssozialistischen
Repressionen bei gleichzeitiger ‚Eindämmung‘ der als bedrohlich wirkenden
Holocaust-Erinnerung bemüht ist. Warum aber sind diese beiden Trends in
genaudiesenMuseensoausgeprägt? ZuerstmeineThese zur ‚AnrufungEuro-
pas‘: Obwohl das In-situ-Gedenkmuseum Jasenovacdas dortigeKonzentrations-
lagerzumGegenstandhatunddasMuseumdesslowakischenNationalaufstands
einenAufstand inder größerenRegion, ähneln sichdie beidenMuseen in ihrer
Kommunikationmit ‚Europa‘ und zwar aufgrund von zwei Parallelen zwischen
derSlowakeiundKroatien.BeideStaatenexistiertenvorden1990erJahreneinzig
200 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918