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währenddes ZweitenWeltkriegs alsNS-Satellitenstaatennachder Zerstücke-
lung der Vielvölkerstaaten Tschechoslowakei respektive Jugoslawien. Beide
NS-Kollaborationsregimewurden in den 1990ern alsMeilensteine auf demWeg
zur Unabhängigkeit verklärt (wenn auch im Kroatien des Historikers Tuđman
institutionalisierterals inderSlowakeiunterMečiar,der imGegensatzzuTuđ-
manwährend der 1990er das Land auch nicht ununterbrochen regierte). Die
Slowakei wiederum lief lange Zeit Gefahr, denAnschluss an die anderen für
die EU-Osterweiterung 2004 vorgesehenen Länder in puncto Demokratisierung
undwirtschaftlicheBenchmarkszuversäumen(Miháliková2006,34),erfülltedie
Beitrittsbedingungen dann aber in Rekordzeit in einer Art Aufholsprint. Beide
Länder setzten ihre staatlichenMuseen, derenLeiterInnendirekt vomKultur-
ministeriumbestelltwerden, als ‚ZugpferdenachEuropa‘ein, die sie vomGe-
schichtsrevisionismusder1990er Jahre ‚reinwaschen‘sollten.
InderzweitenGruppeliegtdieSpezifikderbaltischenStaatenaufderHand:
Sie waren als einzige unter den heutigen EU-Mitgliedern Teil der Sowjetunion.
Daraus folgt, dass auchdiedreiMuseen einebesondereVerantwortungdafür
trugen, ‚Europa‘ und der Welt die ‚überlebenswichtigen Okkupationsfakten‘
zuvermitteln:dassdieSowjetuniondasBaltikum1944nichtbefreite, sondern
besetzte–wobei die in derNS-Zeit verfolgtenGruppen, die sehrwohl befreit
wurden, hier nicht ‚zählen‘. Insbesondere die größten Deportationswellen in
denGulagunddieZwangsansiedlungsgebiete 1941und1949standen imZent-
rumderNeuschreibungderGeschichtenach1991.DieThesevom ‚doppeltenGe-
nozid‘, einmalderSowjetsandenEstInnen,LettInnenundLitauerInnen,einmal
desNationalsozialismus (undseiner seltener erwähntenbaltischenKollaborateur-
Innen) an der jüdischen Bevölkerung136, wurde undwird bis heute in allen drei
Staaten,wennauch inetwasunterschiedlichemAusmaß, imKampfumdieAner-
kennungdes ‚eigenen‘Leidenseingesetzt.Wiespäternochzuzeigenseinwird,
findet inden letzten Jahren indenMuseen jedochein teilweisesAbrückenvon
dieserStrategiestatt.
Bleibt schließlich noch der Fall Ungarnmit zwei gegensätzlichenMuseen:
DasHausdesTerrors inBudapestgehörtebenfallseindeutig zur zweitenGruppe
vonMuseen, inder das Leidenunter staatssozialistischenRepressionen imVor-
dergrundstehtunddieErinnerungandieNS-Opferalsbedrohlich fürdieeigene
(kollektive)Opfererzählungerscheint.DochsowohldiesesMuseumalsauchdas
BudapesterHolocaust-Gedenkzentrumwurde inseinererstenRegierungsperiode
vonViktor Orbán (1998–2002) initiiert. Die beiden staatlichenMuseen sind un-
136 Romawurden,wieerwähnt,einzigimlettischenMuseumsguidesporadischangesprochen.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 201
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918