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anderenhieruntersuchtenMuseenbeiweitemdiemeisteAufmerksamkeitwid-
meten, sodass jeder noch so kleine Aspekt genauestens medial ausgeleuchtet
wurde,soetwadieFertigstellungeinerPanzerreplik,dasAnbringeneinerGlocke
imAußenbereich (Rzeczpospolita, 26.7.2004), die Lichtprobe vor der Eröffnung
(Rzeczpospolita, 30.7.2004) oder die Tatsache, dass der ‚Kanal‘, eine besondere
Museumsattraktion, noch nicht fertig sei. (Rzeczpospolita, 21.9.2004) CNN und
BBCberichteten liveüberdieFeierlichkeiten,andenenauchderdeutscheKanz-
lerGerhardSchröder,US-Außenminister ColinPowell undderbritischeVizepre-
mier JohnPrescott teilnahmen.144 LechKaczyński, derwährendder dreitägigen
Eröffnungsfeierlichkeiten zwölf Redenhielt (Rzeczpospolita, 4.9.2004),wird von
derZeitungRzeczpospolitabuchstäblichzumHeldenerklärt:
Der Präsident vonWarschau Lech Kaczyński ist seit drei Tagen, neben den Aufständi-
schen, der Held Nummer 1 in der Hauptstadt. Seine Bestimmtheit führte zur Eröffnung
desMuseumsdesWarschauerAufstands–nach Jahren vonErwartungund vergrabener
Hoffnung. (Rzeczpospolita, 2.8.2004)
Kritische Stimmen sind inRzeczpospolita, in der diemeisten Artikel zumMu-
seumvonder Journalistin IzabelaKraj stammen, die großeAusnahme. (Rzecz-
pospolita, 4.9.2004)145 InderGazetaWyborcza findet sichhingegen einbreites
SpektrumanReaktionen: von beißender Kritik an der „potemkinschen“ Eröff-
nung in Etappen (GazetaWyborcza, 9.7.2004) bis zur glühendenVerteidigung
(GazetaWyborcza, 6.8.2004). Die Zeitung verlieh demMuseum die Auszeich-
nungals„Ortdes Jahres“2005.
Die hypermoderne Ausstellung arbeitet, ähnlichwie das Haus des Terrors,
mit InszenierungundÜberwältigung,GeräuschenvonBomben,Explosionen,Zi-
vilschutzalarmenundAufständischenliedern.OderumesmitdenWortenvonVi-
zedirektorUkielskipositiv zu formulieren:Eswerde„eineUnmengeanAnreizen
verschiedensterArt gegeben–akustische, visuelleundmultimediale.“ (Ukielski
2011,214)AlserstesmodernesMuseumhabeesneueStandards inderpolnischen
Museumslandschaft gesetzt. (Szczepanski 2012, 274,Niżyńska 2010, 472; Bömel-
144 Putin erklärte anlässlich des Jahrestags des Aufstands: „60 Jahre trennen uns von dem
Tag, andemdieWarschauer begannen, gegendienationalsozialistischenAngreifer zukämp-
fen. Dieser Aufstand, einHeldkampf polnischer Patrioten in der Zeit des ZweitenWeltkriegs,
wurdeeinwichtigerBeitragzuunseremgemeinsamenSieg.“ (Rzeczpospolita, 2.8.2004)
145 Einmal erfahrenwir, dassder ehemaligeAufständische, Poet undEssayist JerzyFicowski es
ablehnte,MitglieddesEhrenkomiteesdesMuseumszuwerden:„Ich fandeinfach,dassmanzum
Aufstandgehensollte.Aber ichwerdenichtverbergen,dasses fürmicheinesder tragischstenEr-
lebnisse inmeinemLebenwar. Ichhalte esnicht für ‚ein schönesKapitel‘ inmeinemLebenslauf
undinderGeschichtemeinerStadtundmeinesLandes,sondernfürdiegrößteblutigeHekatombe,
dieunsgetroffenhat.FastallemeineFreundekamenumsLeben.“ (Rzeczpospolita,4.9.2004)
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 211
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918