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burg undKról 2011, 16; Król 2011, 186)Dafür hat sich für polnischeMuseender
Begriff des ‚narrativenMuseums‘durchgesetzt.VizedirektorUkielski zufolge soll
„dasMuseumseinenGegenstanderzählerischdarstellen,alseineAbfolgevonEr-
eignissen. Deshalb wurden sämtliche Darstellungsmittel – Fotografien, Filme,
Texttafeln, multimediale Darstellungen, szenische Installationen und nicht zu-
letzt die historischenObjekte–demZweck einer vielgestaltigenErzählungüber
denWarschauerAufstanduntergeordnet.“ (Ukielski2011,214)
DerMuseumsdirektor beschreibt die Form der Ausstellung so: „Wir zeigen
die Geschichte wie in einem amerikanischen Film.Wir haben hier die Einfüh-
rung,die SteigerungderHandlung,denHöhepunktunddieLösung. […]Wir ar-
beitenvor allemmitdemBild.DerText–aufPolnischundaufEnglisch– ist nur
eineErgänzung.“ (GazetaWyborcza,2.10.2004)DieAusstellungwill„denBesucher
in ihreErzählung förmlichhineinziehen, indemsiealleMöglichkeitenausschöpft,
umdieAtmosphärederAufstandstage zuvermitteln“, soderVizedirektor. (Ukiel-
ski 2011, 214)Wortgewandtbringt es dieseBeschreibungauf denPunkt: „Visitors
live througha spectacular and supercharged experience ofWarsaw in the grip of
war.Theroute throughthemuseumispresentedasavertiginous free fall through
history throughwhichoneenters thecosmosofmartyrsandsaints– themenand
womenwhofoughtin1944tosavethecity.“ (Crowley2011,367)
Die Beschreibung erinnert an das Haus des Terrors: „In diesemMuseum
sind die realeWelt unddie virtuelleWirklichkeitmiteinander verflochten. Echte
PflastersteineundErinnerungsgegenständederAufständischenunddaneben
künstliche Ruinen, Plasmabildschirme und Telefongeräte, mit derenHilfe man
dieAufständischenanrufenkann.“ (GazetaWyborcza, 2.10.2004)BesucherInnen
könnenzu jedemder63AufstandstageanderentsprechendenStelle imMuseum
einKalenderblattmitdenwichtigstenEreignissenabreißen,überKopfsteinpflas-
ter gehenoder daswährenddesAufstandsoperierendePalladium-Kinobesu-
chen, das von einem Aufständischen aufgenommene Filmaufnahmen zeigt.
ImerstenStocksindauchstilisierteGrabsteinezusehensowieRuinenmitSzenen
ausden letztenTagendesAufstands.Besonders sticht einBereichheraus,der im
AudioguidealsGedenkstättebezeichnetwird:RuinensymbolisierendeMetall-
wände mit eingelassenen Porträts von Aufständischen, davor eingebettet in
denPflasterstein stilisierteGräbermit improvisiertenGrabinschriften, etwaeinem
beschriftetenHolzkreuz.„Aforestofcrossesgrowsinthecity“,heißtesdazu.
AusstellungundGuide ladenzur IdentifikationmitdenAufständischenein
(Heinemann2013,482),mansolle ihreGefühlenachempfinden:
Howwould I respondto theoutbreakof theRising?Wherewould Ibe?HowdoIevaluate
thatoradifferent situation fromtheview-pointofmyfate, thatofmyfamilyorultimately
212 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918