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ImGegensatzzudiesemEmpathieweckendenGegenstandistdaseinzigeJüdin-
nenund JudenzugeordneteObjekt eineDavidstern-Armbinde,diekeine indivi-
duelleGeschichteerzählt.WieschonbeimlettischenMuseumbeschrieben, fällt
auch hier der Unterschied zwischen der individualisierenden Darstellung im
erstenunddemanonymenObjekt imzweitenFall auf.Das Interessante isthier
alsonicht,wiewenig jüdischeProtagonistInnenvorkommen–das liegt durch-
aus amGegenstanddesMuseums,demWarschauerAufstand 1944146, sondern
wieverschieden ‚unsere‘und ‚andere‘ProtagonistInnendargestelltwerden. Im
Guide finden sich 24 bebilderte Kurzbiographien: von 13 Aufständischen, vier
zivilenHelferInnen, dempolnischenPremier, dreiNS-Tätern sowie zwei polni-
schenkommunistischenTäterInnenundvonStalin. Die einzigePerson, die im
Guide aus 2007weder als Aufständische, UnterstützerIn oder TäterIn vorge-
stelltwird, sondernalsOpfer, istdieaufderSeiteüberdasWarschauerGhetto
behandelte JüdinEdithStein, später zumKatholizismusübergetretenals The-
resiaBenediktavomKreuz, 1942 inAuschwitzermordetund1997vomPapsthei-
liggesprochen. (Dąbkowska-Cichocka et al. 2007a, 68) Das einzige individuell
vorgestellteOpferwird letztlichzurKatholikin. ImKatalogundfastwortgleich in
derAusstellungwirdaberauchderHeldenmutbeimGhettoaufstandbetont:
OnApril 19, 1943 German troops began the liquidation of the ghetto. They encountered
resistance from themembers of the Jewish Fighting Organization [ŻOB] and the Jewish
MilitaryUnion [ŻZW].Theghettouprisingbegan.Abouta thousandpoorlyarmedfighters
ledaheroicandunevenbattle. (Dąbkowska-Cichockaetal. 2007a,68)
Auchwirderwähnt, dass 348ausländische Juden imWarschauerAufstandaus
demKZinderGęsia-Straßebefreitwurden:„50of thembecamemembersof the
‚Radoslaw‘Group, the rest joined the auxiliary units, dealingwith transport of
thewounded, extinguishing fires,producingand transportingweapons.“ (Dąb-
kowska-Cichocka et al. 2007a, 158) Im Gegensatz zur Ausstellung nennt der
GuideaberwederdenNamendesKZ–Gęsiówka–, nochdieTatsache,dass es
sichumein1943aufdenRuinendesGhettoserrichtetesNebenlagervonMajda-
nekhandelt. JüdinnenundJudenwerdenzwar fastnie individualisiert, aber im
GuidealsGruppedurchausgelegentlichmitagencyausgestattet. InderAusstel-
lungüberwiegtderEindruckvompassivenOpfer:„daspräsentiertedokumenta-
rische Material lenkt jedoch den Blick hauptsächlich auf das Elend und das
146 DieungewöhnlicheenglischeBezeichnung„WarsawRisingMuseum“dient zurAbgrenzung
vom als bekannter angenommenen „Ghetto uprising“ 1943, wie etwa der Museumsmitarbeiter
GrzegorzHanulabeieinemVortragam7.11.2014anlässlichdesJubiläumsder„Zeitenwende1944“
inWienimHeeresgeschichtlichenMuseumausführte.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 219
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918