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sturzesCeaușescuseineRolle spielte: Ja, esgebeeinenAtombunker,dochder
Zugangzudiesemseibisheutevon innenversiegelt.Die rumänischeStaatssi-
cherheit Securitate habe imZuge des Sturzes des Regimes durch dahinterlie-
gendeTunnel eineEvakuierungdurchgeführt, seitdemhabemankeinenZugang
zumBunkerunddieAusgänge seiennichtbekannt.Ausgestelltwerdenalsoder
architektonischeundDesigngeschmackder Familie, nicht die Ereignisse, die im
Hausstattgefundenhaben,geschweigedenndasWirkenvonCeaușescu.
DasNationalmuseumCotroceni inBukarest thematisiertebenfallsvorallem
dieGestaltungsentscheidungenvonPrinzessinMarievonEdinburgh,von1914–
1927 Königin von Rumänien, das Design der verschiedenen Zimmer und ihre
Rekonstruktion nach demErdbeben von 1977.Wir sehen auch hier Badezim-
mer, Schlafgewänder und Ähnliches. Politikgeschichte wird weder in Bezug
auf König Ferdinand noch auf den angeschlossenen Sitz des heutigen Präsi-
dentenerzählt.
DieserFokusaufWohnstile istauch inBulgarienzubeobachten.TodorŽiv-
kov,der seit 1954Parteichefundvon1956bis 1989bulgarischerStaatschefwar,
ist in seinerHeimatstadt Pravec einMuseummit einer ethnographischenAus-
stellungüber typischeArchitekturausder Zeit der späten „BulgarischenNatio-
nalenWiedergeburt“gewidmet. IneinemneuenRaumnebenanwerden,wie im
Ceaușescu-Haus,Geschenke an Živkov ausgestellt–„however, as amanifesta-
tionof culturaldiversity around theglobe,withoutanycommentaryon thepo-
litical context, and displayedmuch in the style of а ‚cabinet of curiosities‘.“
(Kazalarska 2018) ImHistorischenMuseum inDimitrowgrad, das als sozialisti-
sche Stadt in den 1950ern geschaffenwurde, wurde die Ausstellung aus 1986
kaum verändert, aber auch dort wird seit 2017 vor allem eine sozialistische
Wohnungmit „authentischen“ Einrichtungsgegenständen ausgestellt. Es wird
sogar überlegt, diese „Retro-Wohnung“ als Appartement zu vermieten. (Kaza-
larska2018)
EinebulgarischeBesonderheit istdasstaatlicheMuseumdersozialistischen
Kunst in Sofia, das ebenfalls Deutungen des Sozialismus vermissen lässt. Als
Hauptattraktion kannder Statuenparkmit Skulpturen sozialistischer Politiker-
Innen,ArbeiterInnen,BäuerinnenundBauern sowiePartisanInnenbezeichnet
werden. (Abb. 42) Begrüßt werden die BesucherInnen amEingang von jenem
rotenStern, der bis 1984dieKP-Zentrale geziert hatte, bis er durcheinenpom-
pöseren ersetztwurde. In einemkleinenebenerdigenRaumwirdohneKontex-
tualisierung ein 27-minütiger sozialistischer Propagandafilmgezeigt. Imersten
Stockbefindet sich einAusstellungsraum, indemursprünglichnachderEröff-
nung im Jahre 2011 sozialistische Kunstwerke gezeigt wurden. Das Museum,
eine Zweigstelle der Nationalgalerie, wurde auf Initiative des Kulturministers
VezhdiRashidov (Guentcheva2012) vonderamtierendenpopulistischenGERB-
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918