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4.3.4.3 MilitärmuseeninSofiaundBukarest
Die beiden imFolgenden erörterten nationalenMilitärmuseen behandeln beide
den Zweiten Weltkrieg, unterscheiden sich jedoch: In Bukarest fehlt jeglicher
TextabseitsderBildunterschriften, inSofia ister inAnsätzenvorhanden. Im1923
gegründeten und 1986 am heutigen Standort eröffneten, von der rumänischen
ArmeebetriebenenNationalenMilitärmuseum inBukarest dienen imGegensatz
zumGeschichtemuseum in Sofiawenigstens Landkartenmit demDatumdes
jeweils behandeltenEreignisses zurOrientierungdarüber,welche Zeit gerade
erörtertwird.156Ansonstenbeschränktsich jedeDeutungaufBild-undObjekt-
beschriftungen.Die letzte sozialistischeAusstellungaus1988hattedenPerso-
nenkult umCeauşescu auf die Spitze getrieben und den 23. August 1944, an
demRumänien imZweitenWeltkriegdieSeitenwechselte,überbetont,umdie
JahrederNS-Kollaborationdavorausblendenzukönnen. (Jung2016,59)
Die Jahre 1940–1944sind inder2003neugestaltetenAusstellungüberdas
20. Jahrhundert im Gegensatz dazu ausführlich behandelt – in dem Sinne,
dass sichunzählige Fotografien,Uniformen,Waffen, Ordenund sonstigeOb-
jekte in diesemAbschnitt befinden, jedoch keinerlei Geschichte dazu erzählt
wird. (Abb. 44)Die „Legionäre“, alsodieEiserneGarde,werdeneinmal als „ex-
treme right“bezeichnet, aberdasbleibtdie einzigeDeutung.GeneralAntonescu
ist mit NS-Außenminister von Ribbentrop bei der Unterzeichnung des Beitritts
RumänienszumDreimächtepakt1940sowiemitHitlerabgebildet.DiemitHaken-
kreuzenversehenenOrdenunddieFotosgemeinsamerEinsätzederrumänischen
ArmeeundderWehrmacht lassenzwarkeinenZweifel andiesemBündnis sowie
daran,dasssiegegenSowjetskämpften.DochdievielenFotosmilitärischerOpe-
rationen,WaffenundOrdenverweisenmit keinemWortaufdasSchicksalder
Zivilbevölkerung, Verbrechen dieser beiden Regime oder die tiefe Verstrickung
derArmee indenMassenmordander jüdischenundRoma-Bevölkerung. Trans-
nistrienunddie vonderArmeemitverantworteten Todeslager kommen schlicht
nicht vor.Die Soldatenwerdenkämpfend,marschierend, rastend, ziehharmoni-
kaspielend, mit Hunden spielend, bei Ordensverleihungen und Siegesparaden
gezeigt. Verletzte oder gar Tote sindnicht zu sehen. Frauenkommen imgesam-
tenAbschnitt über den ZweitenWeltkrieg auf genau zwei Fotografien als Kran-
kenschwesternvor.
DaderKriegaufderBildebeneals frei vonallenProblemendargestelltwird,
kommtderSeitenwechselam23.August 1944völligunvorbereitet.Plötzlichwer-
156 Die Legende der Karte und der Titel sind aber imGegensatz zu denBild- undObjektbe-
schriftungen ausschließlich auf Rumänisch –wie auch die früheren Epochen in diesemMu-
seumausschließlichaufRumänischbehandeltwerden.
4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 233
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918