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Nahaufnahme eines Opfers zeigt ein „jüdisches Mädchen“mit Davidstern und
einer Milchkanne im Ghetto von Kaunas. Die Reihe der Objekte beginnt mit
einemDavidstern.Die anderenObjekte, Schere, Schlüsselbund,Patronenhül-
sen,wurden inMassengräbern bei Neunten Fort in Kaunas gefunden, auch sie
werden keiner speziellen Opfergruppe zugeordnet. Dieser Einleitungsabschnitt
handeltalsovomkollektivenLeidenunterdenNazis.
Im Abschnitt über das Gestapo-Gefängnis wird, obwohl die Ausstellung in
dieser Zelle insgesamtwenig Text enthält, ausführlich die Information aus dem
ersten Teilwiederholt, dieNazis hätten als Strafe für das Scheitern einer litaui-
schenSS-Division46ProminenteverhaftetundnachStutthofgebracht. Indiesem
Gebäude seien Professor Balys Sruoga und Vladas Jurgutis inhaftiert gewesen,
bevor sie in Konzentrationslager verbracht wurden. Das erste namentlich er-
wähnte jüdischeOpfer ist Taibe Rosenkranz, deren auf Jiddisch verfasster Brief
ausdemGefängnisdemgroßenStempel zufolgeoffensichtlichausdemBestand
desVilnaGaon JewishMuseumsstammt.DiePorträts zeigen JacobGens, Juden-
ratundspäterLeiterdesGhettos,BronisławKomorowskivonderpolnischenHei-
matarmee, den schon erwähnten Schriftsteller Balys Sruoga, eine Lehrerin und
Mitglied der polnischen Heimatarmee sowie zwei litauische Aktivisten, davon
einenlitauischenSchriftsteller,derzuvorschoninVilniusvonpolnischenBehör-
denverfolgtwordenwar.EinigederGezeigtenwarenimGebäudeinhaftiert.Über
jeneGefangenen,diesichandenWändenverewigthatten,soetwaHelenaBoufał
am8.Juli1943,erfahrenwirnichts.
DerAbschnitt überdasVilnaerGhettoenthält zweiTexttafeln, elf Fotosund
siebenDokumente.Wir erfahren, dass sich 29.000Menschen imgroßenGhetto
und 9–10.000 im kleinen Ghetto befanden. Ersteres sei mit der Zeit für seine
Fachkräfte bekannt geworden, das zweite sei das Ghetto der Nicht-Arbeitenden
gewesen. Der erste Absatz, der zu Empathiemit den jüdischenOpfern einlädt,
betont,dassdiese trotzwiederholterMassakerundTodesangst sichandieSitua-
tion anzupassen versucht hätten,mit einemKrankenhaus, Bildungs- undSo-
zialeinrichtungen, einer Ausspeisung, Schulen (ein Foto zeigt Schülerinnen
mit aufgenähtemDavidstern), einerBibliothek, einemTheater (eineTheaterwer-
bung ist ausgestellt), einemSymphonie-undeinemJazzorchester.DieGhettolei-
tung habe geglaubt, dieses erhalten zu können, wenn es nur ökonomisch
produktivwar. Doch auch imGhettowären sie verfolgt und brutal ermordet
worden, zumindest 18.000 im Rahmen organisierter Kampagnen durch den
SD getötet. Die Liquidierung der Ghettos habemit den kleineren begonnen,
einige kamen nach Vilnius, andere wurden in Paneriai erschossen. Am 23./
24.September 1943wurdeauchdasVilnaerGhetto liquidiert.
DieFotos zeigenpolnische,nicht litauische Jüdinnenund Juden.Die Jahres-
zahlen sind dabei in zwei Beschriftungen falsch. Eines zeigt, wie Menschen in
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918