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einenViehwaggoneinsteigen: „Jews transported to concentration camps. 1943“,
doch Yad Vashem zufolge handelt es sich um eine Deportation aus demWar-
schauer Ghetto 1942, nicht 1943. (Yad Vashem o. J.) Ein anderes Foto ist mit
„Jewsdrivenfromtheirhomes,1941“beschriebenundzeigtalteundkrankeMen-
schenaufeinerPferdekutsche.ÜberdasFotokönntemansagen,dassesderbe-
kannte jüdischeWarschauer Fotojournalist Henryk Ross von einer Deportation
ausdemGhettoŁódźaufgenommenhat. Rosswar vonWarschaunachŁódźge-
zogen,kurzbevorergezwungenwurde, insdortigeGhettozuübersiedeln(Davies
2017)–undzwar1942,nicht1941,wiedieBildunterschriftbehauptet.Diesenahe-
liegendeMöglichkeit zur Individualisierung durch den Entstehungskontext des
Bildeswirdausgelassen. (Radonić2018c,520)DieAusstellungerweckt fernerden
Eindruck, alsgäbeeskeinBildmaterialdesHolocaust inLitauen.DieHolocaust-
Ausstellung des Jüdischen Museums, das sogenannte „Green House“, beweist
aberdasGegenteilundstelltOpferausLitauenindividualisiertdar.
Namentlichzugeordnet istderFacharbeiterausweisvonIsraelSabalskisowie
derEinbandeinesTagebuchsvonGrigorySchurausdemGhettoundspäterdem
Arbeitslager Kailis. Aus letzterem zitiert wird aber nicht. Ein Gruppenfoto zeigt
unzähligeMenschen,dieals„headsofVilniusghetto“vorgestelltwerden,darun-
ter Jacob Gens. Die einzigen jüdischen Opfern namentlich zugeordneten Fotos
zeigenalsobeideGens, einTitelbildbezeugtdasVorhandensein jüdischerZeug-
nisseausdemGhetto,darauszitiertwird jedochnicht,dieOpferkommennicht
selbstzuWort.
Während –wie oben gezeigt wurde – die litauischen Opfer sowjetischen
Terrors, insbesondere die nach Sibirien deportierten sowie die VertreterInnen
des bewaffneten und unbewaffnetenWiderstands, in den beiden oberenMu-
seumsstockwerkenmit viel Empathie, individuellen, berührendenGeschichten
undGegenständensowieHundertenPrivatfotosdargestelltwerden, erscheinen
die jüdischenOpfer imneuenRaum–wie schon inmehrerenanderenMuseen
festgestellt–nicht individualisiert, sondern als anonymeMasse und entperso-
nalisiert inZahlen.Typisch istdie„Ghetto-Chronik“, dieausunzähligenDaten,
OpferzahlenundFaktenbesteht,abervölligunpersönlichdieGeschichtederVer-
nichtung herunterrattert, etwa für 1941: „20 September: 403 Jews fromNemen-
činė killed. 22 September: 1,159 Jews fromNaujoji Vilnia killed. 24 September:
1,767JewsfromRiešėkilled.25September:575JewsfromJašiūnaikilled“, sogeht
das noch langeweiter. Erst innerhalb dieser Chronik erfahrenwir – etwas ver-
stecktundverklausuliert– etwasüberdieExistenz jüdischenWiderstands, aber
nur, wenn uns das Kürzel FPO bekannt ist: „FPO fightersmine and blowup a
Germanmilitarytrain“,heißtesinBezugaufden18.Juli1943.DieFareyniktePar-
tizanerOrganizatsye (FPO)wareine imGhettovonVilniusangesiedelte jüdische
Widerstandsorganisation,geleitetvonAbbaKovnerandYitzhakWittenberg.
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 247
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918