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WodieChronik ausführlichenText enthält, ist dieser problematisch,wenn
JudenalsTäteranderSeitederNazisdargestelltwerden:
About 20 Jewish policemen from theVilnius ghetto assigned toAshmyany ghetto (Bela-
rus) to select incapacitated prisoner for extermination. The campaign is led by Martin
Weiss, aGestapoofficer, andSalekDesler, theheadof theVilniusghettopolice. They se-
lect 404elderlypersonsand2 little children. Theyare escorted to thekilling site (next to
Uglejovofarmstead,6–7kmfromAshmyany)bypolicemenfromtheVilniusghetto.
An dieser Stellewird die Ausstellung über denHolocaust zu einemMachwerk
der Täter-Opfer-Umkehr, nicht Litauer, sondern Judenhätten andere Jüdinnen
und JudenzudenErschießungsstätten „begleitet“, als ob siedas freiwilligund
ausMordlustgetanhätten,nichtunterZwang.
Zusammenfassend lässt sichüberdieAusstellung indieserZelle sagen,dass
es als Ausdruck der ‚Universalisierung des Holocaust‘ begriffen werdenmuss,
dass die Lücke imMuseum angesichts seiner Geschichte auch als Gestapo-Ge-
fängnis inden2010er Jahrennichtmehr tragbarwar–undnachderKonsolidie-
rungder litauischenEigenstaatlichkeit nichtmehr ‚nötig‘ erscheint. Auchwenn
nunderHolocaust imMuseuminkludiert ist, zeigtdieArtundWeise,wiedies
geschieht,dassdieEindämmungdieserErinnerung immernochnotwendiger-
scheint,umEmpathieweitestgehendden ‚eigenen‘Opfernvorzubehaltenund
umdieFragenachdenlitauischenTäterInnenaufeinigewenigeZeilenbeschrän-
kenzukönnen.Über litauischeTäterheißt es inderChronikeinzig inBezugauf
den 24. Juni 1941: „local volunteers (chapuns) start catching Jewishmen. Some
areshotdeadinPaneriai.“
DerallerneuesteAusstellungsteil,der ineinerweiterenZelle imKeller einge-
richtetwurde,giltnunderVerfolgungvonRoma-Opfern:„LithuanianRomaper-
secutionduring theNazioccupation (1941–1944)“. AufderÜberblickstexttafel160
heißtesdistanziertbis feindselig,drastischernochals imHolocaust-Gedenkzent-
rum in Budapest: „In general, the registration and control of the Roma people
remained an unsolved problem of the Nazi occupation.“ Zitiert wird aber auch
dasZeugnis von „JonasBrižinskas, theRomaof Seredžius“, über dieVerschlep-
pungseinerFamilienmitglieder indasNS-LagerPravieniškėsbeiKaunas, indem
politische sowie jüdische und Roma-Häftlinge interniert waren. Als Täter kom-
160 Dadiesekleine,2015eröffneteAusstellung inderenglischenVersionderMuseumswebseite
nicht vorkommt und in Litauen kaummediale Aufmerksamkeit erregt hat, habe ich von ihrer
Existenzerst spät erfahren.Mir liegeneinzigderEingangstextaufLitauischundEnglischsowie
ÜberblicksaufnahmendesRaumsvor,überden ichnursagenkann,dasseraußerdiesemeinzi-
genTextnoch36Fotos,achtDokumenteundeinenPlanenthält. IchdankeGeroWollgarten für
dieFotosdiesesAusstellungsteils.
248 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918