Seite - 251 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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Beim 2003 eröffneten estnischenMuseumder Okkupationen imGlasbau in
Tallinn kam es zu einemGenerationenwechsel. 2013 starb die Hauptfördererin,
OlgaKistler-Ritso,undihreTochterübernahmdieStiftung.Der langjährigeDirek-
torHeiki Ahonenwurde 2012 vonKadri Viires, diese dann 2015 vonder jungen
DirektorinMerilinPiipuuabgelöst.Die inGroßbritannienausgebildeteSoziologin
undPolitikwissenschaftlerinPiipuubeschreibt ihrTeam2016als„young indi-
viduals whowere brought up by the nationalist history narrative during the
1990s […] theyhave increasinglybecomeawareof the restrictiveandmanipu-
lative influenceof thisnarrativeontheir later livesandactions.“ (Zit.n.Kõresaar
undJõesalu2021)162DasMuseumwurde2016 inVabamu,eineAbkürzungvon
VabaduseMuuseum, was Freiheitsmuseumbedeutet, umbenannt. Ehemalige
DissidentInnen fürchten, dass damit der ursprüngliche Zweck verlorengehe:
„to commemorate the sufferingofEstoniansunder the (Soviet) terror regime(s).“
(Pääbo und Pettai 2019) Konservative Kräfte kritisierten die Entfernung des Be-
griffs „Okkupation“ ausdemMuseumsnamenals Selbstzensur undals Einkni-
cken unter dem Druck Moskaus im Streit um die Deutungshoheit. (Kõresaar
und Jõesalu 2017;Weekes 2017) Schließlichwurde dasMuseumdeshalb noch
einmal inVabamuMuseumofOccupationsandFreedomumbenannt.
Im Juli 2018 wurde dort zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Estlands
eineneue ständigeAusstellungmit demTitelFreedomwithoutbordersnachnur
sechsmonatigerUmbauzeit eröffnet, die zumGroßteil vomestnischenKulturmi-
nisterium finanziertwurde. (Kõresaar und Jõesalu 2021) Darin trägt auchdieses
Museumder ‚UniversalisierungdesHolocaust‘ zumTeilRechnung. ImAbschnitt
„Inhumanity“werdenzunächst,wieschonausdenobigenAnalysenvertraut,die
sowjetischenDeportationenundderGulagmitdenNS-Verbrechengleichgesetzt.
(Abb. 51)„Humansuffering“wirdhieruniversalisiertanhandvonSymbolendar-
gestellt, die fürGulag-wieHolocaust-Erzählungengeeignet sind:Kofferundein
rüttelnder Deportationswaggon zumHindurchgehen, der nun explizit für beide
Erfahrungen stehen soll. „Theevil of both totalitarian regimeswas embodied in
the cattle cars that both regimesused: Stalin transportedmillions of people to
the Gulag camps in these wagons, deporting people thousands of kilometres
away from their homelands; while Hitler used them to transport millions of
people to concentration camps, some ofwhichwere also in Estonia“, heißt es
aufdereinleitendenTafel im„Inhumanity“-Raum.
ImAbschnittüber„SovietEstonia“wirdwiederauchdieNS-Zeitmitbehan-
delt. PääboundPettai (2019) kritisieren aber, dass die in den interaktivenEle-
162 Ich danke EneKõresaar undKirsti Jõesalu für die Vorab-Zusendung ihrer noch unveröf-
fentlichtenAnalysederneuenAusstellungunddenregenAustauschüberdasMuseum.
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 251
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918