Seite - 253 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Bild der Seite - 253 -
Text der Seite - 253 -
Gegensatz zur alten Ausstellung aus 2003 die Verfolgung von Roma in dieser
Schau nun erwähnt wird. Dies bestätigt meine These, dass die ‚Europäisierung
der Erinnerung‘und ‚UniversalisierungdesHolocaust‘ zur erstmaligen Inklusion
der Roma-Opfer in denAusstellungen führt. Zweitens erlaubt uns der Vergleich
mit denanderenMuseendarüberhinaus folgendenBefund:Wie ich auch schon
bei den früherenBeispielen fürdie ‚AnrufungEuropas‘ imslowakischen,ungari-
schen und kroatischen Fall festgestellt habe, erfolgt diese erste Inklusion von
Roma-Opfern nie auf die gleiche individualisierendeWeisewie bei den anderen
Opfergruppen.Auf dem Infoscreen zumThema „Victims“heißt es bloß: „The
Nazis also targeted the Romani people“; und dann unter „Estonian lives lost“:
„Nearlyall local Jewishpeople (some1000people)andmore thanhalfof theRo-
mani(anestimated500people)weremurderedasaresultofracial repressions.“
InBezugaufdieÄsthetikderneuenAusstellung imAbschnitt„Inhumanity“
lässt sich ferner festhalten,dassdieRäumehiernundunkel gestaltet sind,wäh-
rend der frühere Direktor, wie oben zitiert, die Ästhetik vonHolocaust-Museen
explizit abgelehnthatte.DieAusstellungsmacherInnengebenan, siehättensich
amMuseumofTolerance,alsodemSimonWiesenthalCentreMuseuminLosAn-
geles, demAnne-Frank-Haus inAmsterdamunddemJüdischenMuseuminBer-
lin orientiert. (Kõresaar und Jõesalu 2021) Die Ästhetik von Holocaust-Museen
dienthierneuerdingsalsVorbild ineinerErzählungüberuniversellesmenschli-
ches Leid. Vier unterschiedliche Opferschicksale sollen den neuen, individuali-
sierendenZugangderAusstellungverdeutlichen:ZuBeginnsiehtmanviergroße
Bildschirme,aufdeneneinenachSibiriendeportierteFrau, einerderganzweni-
genestnischenHolocaust-Überlebenden, eineExil-Estin sowie eineFrau, die ihr
gesamtes Leben auf der Insel Hiiumaa verbracht hat, gezeigtwerden. Dochwir
sehen sienur sprechen, hören jedochnicht sie selbst, sondern einenestnischen
Schauspieler, der über sie erzählt. „Therefore, albeit presentwith their (first)
names and faces, the four persons themselves are denied agency for the sake
of generalisation.“ (Kõresaar und Jõesalu 2021)WährendPääboundPettai in
dererstenbisherveröffentlichtenAnalysederAusstellung festhalten,dassder
Ausstellungsfokusaufder Individualisierung liegt, sindKõresaarund Jõesalu
(2021)weitauskritischer:„At theend, the individualisedstories, either told in
first- or third-personmode, conveyan ideaof theuniversal storyof suffering,
death,survivalandhoperather thanapersonalhistoryandexperience.“
ImAudioguidewirdzuBeginndasneueKonzept erklärt: „Pleasedonot ex-
pect verymany facts here. Aboveall, it’s a tour through fragments ofmemory.“
Erinnerungsfragmentestehen inderAusstellungalso imFokus,dochwerdener-
neutnichtalleOpferaufdiegleicheWeisedargestellt.PääboundPettai (2019)
diagnostizieren:
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 253
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918