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werden inTallinnnunbis zu einemgewissenGrad individualisiert dargestellt,
doch generell bleibt in dieser Ausstellung die Individualisierung zuweilen nur
einescheinbareundeinSchauspielersprichtüberdieGulag-OpferwiedieHolo-
caust-Opfer, die selbst zwar zu sehen sind, abermeist nicht zuWort kommen.
BeideAusstellungenthematisierennunNS-KollaborateurInnen,wennauchVil-
niusweitausrudimentäreralsTallinn.
4.4.2 DerautoritäreBacklashinPolenundUngarn
Diemeisten anderen hier untersuchtenMuseen blieben in den letzten Jahren
weitgehend unverändert,163 etwa dasMuseum des Slowakischen Nationalauf-
standsoderdas Jasenovac-Gedenkmuseum. Inmeinen früherenAnalysender Ja-
senovac-Ausstellungplädierte ich für eineVeränderungderDauerausstellung
inRichtung einer stärkeren Inklusionder TäterInnen sowiedes In-situ-Gelän-
des. Dochdannwurdenbis 2020 inKroatienPräsidentinwie Premierminister
vonderHDZgestelltunddieseverhieltensichdengeschichtsrevisionistischen
Tendenzen gegenüber imbesten Fall ambivalent (Kasapović 2018, 10f; Rado-
nić 2019b)– jedochohnewie inUngarnundPolen zugleich indemokratische
Grundrechte einzugreifen.Dasmacht die ständigeAusstellungaus 2006 trotz
aller Kritik derzeit zu einem kritischen Stachel gegen den Geschichtsrevisio-
nismus, da sie Jasenovacunmissverständlichals Todeslager benennt, indemdie
Ustašaaus ‚rassischen‘Gründenserbische,Roma-undjüdischeOpferermordeten.
Erst als 2020 der ehemalige sozialdemokratische Premier Zoran Milanović zum
Präsidenten gewählt wurde, ist in Kroatienwieder eine Art politisches Gleichge-
wichthergestellt.
Ein kritischer Stachel ist in noch stärkeremAusmaßderzeit dasHolocaust-
GedenkzentruminBudapestbzw.dessenständigeAusstellungaus2006.Abgese-
henvonderKritikder stereotypenDarstellungvonRoma,bleibt diesesMuseum
inZeitendes inUngarnseit 2010vonderFideszoffensivbetriebenenGeschichts-
revisionismus,derVerklärungvonHorthyalsDemokratundderverschleiernden
Darstellungder ungarischenMitverantwortung für denHolocaust das reflektier-
teste und inBezugaufdas eigeneungarischeKollektiv selbstkritischstederhier
analysierten zehnMuseen–undsomit einDorn imAugederungarischenGe-
schichtspolitik. Nach OrbánsWahlsieg 2010 wurde Direktor László Harsányi
163 Im Zeitgeschichtemuseum in Ljubljanawurden die Ausstellungen über die „Dunkle Seite
desMondes“unddiesozialistischeÄranach1945nachAuskunftderDirektorinKajaŠirok2018
umgestaltet,dochkonntendieseÄnderungennichtmehrindieAnalyseeingebautwerden.
256 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918