Seite - 259 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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jungenMenschen.DieTragödiedesHolocaustsmuss fürsie,die inderglückli-
chenLagesind,Bürgereines freiendemokratischenLandeszusein,nacherlebbar
werden“, so Schmidt. (Verseck 2013) Abgesehen vonder Fragwürdigkeit desAn-
spruchs, den Holocaust „nacherlebbar“ zu machen, wird die Holocaust-Erinne-
rungauchnochdafürverwendet,dendemokratischenCharakterdesungarischen
politischenSystemszuZeitendesautoritärenBacklashszuunterstreichen.
Der neben den Kindern zweite Fokus sollen diejenigen UngarInnen sein,
die Jüdinnenund Juden gerettet haben, ein Trend, der auch in Polen deutlich
zubeobachtenist,wieweiteruntenausgeführtwird.Schmidtplante fürdasBu-
dapester „Haus der Schicksale“ eine „story of love between Hungarian Jews
andnon-Jews.“ (Schmidt2014)WieschoninderkleinenNS-AusstellungimMu-
seumderGenozidopfer fällt auchhierderüberdimensionaleDavidsternaufder
Fassade auf. BeideMuseen tragen damit der ‚Universalisierung‘und ‚Europäi-
sierungdesHolocaust‘Rechnung,ohnedassdabeidie individuellenHolocaust-
Opferselbst imFokusstehen.
Dieses zweite Budapester Holocaust-Museumkonnte allerdings bis heute
nicht eröffnet werden, da vor allemder Dachverband der JüdischenGemein-
den in Ungarn,Mazsihisz, Schmidts Geschichtsrevisionismus kritisierte und
das Projekt internationaleAufmerksamkeit, etwader InternationalHolocaust
Remembrance Alliance und des israelischen Staates, auf sich zog. Während
SchmidtaufdieUmsetzungpochte,nahmetwaJánosLázár,damalsLeiterder
Staatskanzlei im Kabinett Orbán III, der das Museummitinitiiert hatte, eine
versöhnlichereHaltungeinundwollte esnichtumjedenPreis trotzder inner-
ungarischen und internationalenKritik durchpreschen:wenn es die jüdische
Gemeindenichtunterstütze,werdedasMuseumnichteröffnet, soLázár. (Hun-
garianSpectrum, 6.3.2015)Neuerdingsunterstütztbeziehungsweise legitimiert
aber die kleine orthodox-jüdische Chabad-Gemeinde EMIHunter der Leitung
vonRabbiShlomoKövesdasFideszscheMuseumsprojekt, sodassesvielleicht
doch 2021 umgesetzt werden kann. (Hungarian Spectrum, 3.1.2019) Dies gibt
eineAhnung vondenDrahtseilakten, die eineMinderheit vollführenmuss in
einem Land, gegen das das EU-Parlament 2018 ein Verfahren nach Artikel 7
eröffnete, weil die RegierungOrbán durch ihrHandeln die Grundwerte der EU-
Verträge verletze, also die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie,
Gleichheit,RechtsstaatlichkeitunddieWahrungderMenschenrechteeinschließ-
lich der Minderheitenrechte. Beide jüdischen Gemeinden haben enge Kontakte
mit Israelundes ist fürsiebedeutend,dassFidesz imGegensatzzur langenanti-
zionistischen Tradition im Staatssozialismus enge Beziehungen mit dem jüdi-
schen Staat unterhält.Wenn es hingegen umdenGeschichtsrevisionismus von
Fidesz inBezugaufdenHolocaustgeht,nehmensie jedocheineunterschiedliche
Haltungein.
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 259
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918