Seite - 264 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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legt, kanndieRadikalität derVerurteilunghiernicht geteiltwerden. Sie erweckt
vielmehr den Eindruck, dass ausgerechnet von diesemMuseum, das von Ka-
czyńskimitermöglichtwurde, erwartetwürde, keine geschichtspolitischenKom-
promisse zumachen und frei von politischenÜberlegungen die Ausstellung zu
gestalten, doch jedesMuseum ist aucheine Identitätsfabrikunddient aktuellen
Zwecken.
Die Polonistin undFotografin Elżbieta Janicka fasst das in dieWorte– ein
polnischesantisemitischesSprichwortabwandelnd–, dassdasMuseum„polish
duties“ (Janicka 2016, 25) habe. Sie kritisiert den Kurznamen POLIN, der 2014
demMuseumsnamenhinzugefügtwurde.Dashebräischepo-lin (ruhehier) ver-
weist auf eineLegendeüber Jüdinnenund Juden,dienachPolenkamen– Ja-
nicka (2016, 15) zufolge eineArt Selbstüberzeugungsmythos, dass Polen eine
weniger feindseligeUmgebung als inWirklichkeitwar. Für die jüdischenBe-
ziehungenmit Polinnen und Polen diente dieser Mythos als „instrument of
mercy-evoking persuasion“. (Janicka 2016, 130) Später sei er jedoch von der
Mehrheitsbevölkerung übernommenworden und „included in the arsenal of
symbolicviolenceasa toolofblackmail.“ (Janicka2016,22)AuchdasMuseum
sei so eine Art von Erpressung: die polnisch-jüdischen Beziehungenwürden
schöngefärbt, umüberhaupt einMuseummöglich zumachen. Aufgrund die-
serKritik isthierauchnicht,wie indenmeistenanderenTextenüberdie Insti-
tutionvomPOLIN-MuseumdieRede,sondernvomMGPJ.
Mankannüber dieAusstellungvielleicht ambestenkonstatieren, dass „the
exhibitiondoesnot permit the story of suffering to cast too longa shadowover
Polish-Jewishhistory.“ (Rosenfeld2016,259)DasMuseumsiehtzuweilenauswie
einMärchenwald der polnisch-jüdischen Beziehungen – und kaum drehtman
sich um,wird schonungslos auf der Textebene der tief verwurzelte Antisemitis-
musthematisiert,wasineinemSpannungsverhältniszueinandersteht.Antisemi-
tismuswerde „presented inadispersedwayandon theperipheryof themaster
narrative.“ (Janicka2016,40)Einerseits lässt sicheinwenden,dass insbesondere
derHolocaust-Abschnitt vondenrenommiertenWissenschaftlerInnenJacekLeo-
ciakundBarbara Engelking vomPolishCenter forHolocaust Researchkuratiert
wurde,daswichtigeErgebnissezumlokalenKontextdesHolocaustundzumpol-
nischen Antisemitismus vorgelegt hat. Andererseits muss auch betont werden,
dass die KuratorInnen der einzelnen Galerien mehrfach von oben überstimmt
wurden,weshalb etwa die Kuratorin der Post-1945-GalerieHelenaDatner sogar
dasAusstellungsteamverließ. (Aktivo2015)
Auf jedenFallwarendieKuratorInnenbemüht, verschiedenePerspektiven
zubeleuchten. So befinden sichBesucherInnen zunächst sozusagen innerhalb
des Ghettos, überqueren dann symbolisch die Brücke, die über die ‚arische‘
Chłodna-Straße führte, die die beiden Ghettohälften voneinander trennte –
264 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918