Seite - 272 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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lenkenerstmalsnach JahrzehntendesAusstellens leererHöfeundGebäudedie
Aufmerksamkeit nicht nur auf HeldInnen desWiderstands, sondern auch auf
die ‚gewöhnlichen‘Opfer und ihre Biographien,was Empathiemit den indivi-
duellenAkteurInnenerlaubt. ImGegensatzdazuwirddie Jasenovac-Erinnerung,
diezuvor indasDogmavonder ‚BrüderlichkeitundEinheit‘aller jugoslawischen
Nationen eingepresst war, vom zunehmend aggressiven serbischen Nationalis-
mus gekapert. Die Publikation aus 1986 unddie ständige Ausstellung aus 1988
enthaltenhierplötzlich– imGegensatzzu früherneutralerenAufnahmen–zahl-
reiche Horrorbilder geköpfter Leichen und aufgeschlitzter Bäuche, die in den
meisten Fällen gar nicht in Jasenovac aufgenommenwurden. Als obdieGräuel
derUstašanicht schrecklich genuggewesenwären,werden siehier, ebensowie
dieOpferzahlenenvonJasenovac,starkübertrieben, inWanderausstellungenden
Soldatender jugoslawischenArmeevorgeführtundzurMobilisierungzurAbwehr
eines erneutenGenozids andenSerbInnendurch ‚genozidale‘KroatInneneinge-
setzt.Die kroatischenNationalistInnen,angeführt vomspäterenkroatischenPrä-
sidenten undHistoriker Franjo Tuđman, antwortenmit der Verharmlosung der
Ustaša-VerbrechenundunhaltbarniedrigenAngabenüberdieOpferzahl inJasen-
ovac.DerVergleichvonTheresienstadtundJasenovacEndeder1980erJahrezeigt
schlagenddieVorboteneiner friedlichendemokratischenTransformation indem
einenundeinesdemokratischeProzesse starkbremsenden ‚KriegesumdieErin-
nerung‘, indessenZentrumJasenovacsteht, indemanderenFallauf.
1990er Jahre: Nach der Wende können erstmals auch Museen gegründet
werden, die zuvor gänzlich tabuisierte sowjetischebzw. staatssozialistischeVer-
brechen während des Zweiten Weltkriegs und danach thematisieren: das Mu-
seumderGenozidopfer inVilnius,dasMuseumderOkkupationLettlands inRiga
sowie das Zeitgeschichtemuseum in Ljubljana. Diese sind ‚postsozialistisch‘ in
demSinne,dassdieAbarbeitungandersozialistischen ‚Geschichtslüge‘unddas
GedenkenandieOpferstaatssozialistischerVerbrechenimVordergrundstehen–
bzw. in Ljubljana eineAusstellungdiese thematisiert, während ein anderer Teil
der Dauerausstellung im selben Museum dem antifaschistischen Narrativ ver-
pflichtetbleibt. IndenbaltischenMuseenerweist sichdie Inklusionderrussisch-
sprachigenwie der jüdischen Perspektive als schwierig, da sie für die ‚eigene‘
Opfererzählung als bedrohlich erscheint. In Theresienstadt kann 1991 im be-
reits in den 1960ern geplanten Gebäude das Ghettomuseum eröffnet werden
undsomit erhält die zwarnie tabuisierte, aber inder sozialistischenÄradoch
marginalisierteErinnerungandasGhettonuneinenRaum,währendder anti-
faschistischeWiderstand in den Hintergrund tritt. Der Transformationsprozess
nach 1989 bringt die Öffnung der zuvor stark reglementierten Geschichtspolitik
undzugleicheine ‚NeuerfindungvonGeschichte‘unternationalenVorzeichen.
272 5 Fazit
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918