Seite - 273 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Bild der Seite - 273 -
Text der Seite - 273 -
WährendderKriege imZugederpostjugoslawischenZerfallsprozessekann
hingegenvoneiner ‚Öffnung‘derGeschichtspolitikkeineRedesein.DasJaseno-
vac-Museumwird kriegsbedingt nicht einfach geschlossen, vielmehr tritt sein
Kustosmit derMehrzahlderExponate imGepäckeineReise insUngewissean.
Jasenovacwird–nicht zuletzt unter ZuhilfenahmeebendieserExponate– zum
Kern der aggressiven serbischen Kriegsrhetorik, aber auch des kroatischen
Geschichtsrevisionismus. DasMuseumbleibt auch nach demKrieg bis 2006
zwarverweist,dochdieGleichsetzungvonJasenovacmitBleiburg imKontext
von Tuđmans ‚nationaler Versöhnung‘ aller KroatInnen bildet den Kern der
geschichtsrevisionistischenPolitikdes„autoritärenWahlregimes“ (Merkel2003,63)
biszuTuđmansTod1999.
2000er Jahre:ZeitgleichmitdenEU-Beitrittsbemühungenderostmittel-und
südosteuropäischenLänder eröffnet eineweitereWelle neuerMuseen (Hausdes
Terrors undHolocaust-Gedenkzentrum in Budapest,MuseumderOkkupationen
inTallinn,MuseumdesWarschauerAufstands)bzw.werdenständigeAusstellun-
gen neu gestaltet (Museum des slowakischen Nationalaufstands, Jasenovac-Ge-
denkmuseum). DenKern der hier entwickelten Typologie bildet die Erkenntnis,
dass die untersuchtenMuseen in ihrer Kommunikationmit ‚Europa‘ zwei unter-
schiedlichenTrendsfolgen.
Die erste Gruppe vonMuseen ist bemüht, ihr ‚Europäischsein‘ im Zuge der
EU-BeitrittsbemühungendurchdieÜbernahme ‚westlicher‘Musealisierungstrends
und die erstmalige umfassende Inklusion der Holocaust-Opfer unter Beweis zu
stellen.Dies trifft fürdreiderzehnMuseen,dasMuseumdesSlowakischenNatio-
nalaufstands, das Jasenovac-GedenkmuseumunddasHolocaust-Gedenkzentrum
in Budapest zu. Interessanterweise wird der Beweis der Bereitschaft für den
EU-Beitritt durch dieOrientierung an außereuropäischen ‚westlichen‘Vorbil-
dern angestrebt: Die postsozialistischenMuseen dieser Gruppe stellen in an
dasUSHMMangelehntendunklenRäumendie individuellenOpfer durchPri-
vatfotos, vondenHäftlingenproduzierteGegenständeund ihreBiographiendar,
währenddem In-situ-Ortweniger Bedeutungbeigemessenwird. DieÄsthetik ist
alsoandemnicht inEuropaentstandenenKonzeptmemorialmuseumorientiert,
nichtetwaandeutschenKZ-Gedenkstätten.AufderTextebene,besonders inVor-
wortenderPublikationenund inAusstellungsüberschriften,wird jedochexplizit
die Zugehörigkeit zuEuropabetont, nicht etwa zum ‚Westen‘. DasMittel für die
‚AnrufungEuropas‘ istalsoderImportder ‚UniversalisierungdesHolocaust‘.
DenWandel desMuseumsnarrativs vom sozialistischen antifaschistischen
Dogmaüber das zögerlicheNarrativ derÜbergangszeit zur ‚AnrufungEuropas‘
verdeutlichtdieAuswertungderdiachronenAnalysevonfünfGuidesdesMuse-
umsdesSlowakischenNationalaufstandszwischen1977und2006. (Tab.2)
5 Fazit 273
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918