Seite - 276 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
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Die ‚Anrufung Europas‘ birgt einige Probleme. Das slowakischeMuseum ist
weiter ineinemnationalistischen,denNS-SatellitenstaatexkulpierendenNarrativ
verhaftet („Errungenschaften“desTiso-Staats).Die ‚Europäisierung‘bleibt zu
einem gewissen Grad also ein Lippenbekenntnis. Die Übernahme des Kon-
zepts vonmemorial museumswie demUSHMMund Yad Vashem an In-situ-
Orten wie dem ehemaligen KZ Jasenovac läuft Gefahr, durch den Fokus auf
individuelleOpferdieSpezifikdesOrtes,derVerfolgungsgründeundTötungs-
methodensowiedieTäterInnenzukurzkommenzu lassen.168Auchwenndas
Holocaust-Gedenkzentrum in Budapest vor allem als internationales Signal
gedachtwar, zeigt dieses ungarischeBeispiel, dass die schonungsloseAufar-
beitungderMitverantwortungdeseigenen, indiesemFallungarischenKollek-
tivs, einenwichtigenRaumder selbstkritischenAuseinandersetzung, etwa für
Schulklassen,schaffenkann.
Der andere hier herausgearbeitete Trend in der Kommunikation mit ‚Eu-
ropa‘ ist die Forderung, ebendieses ‚Europa‘möge ‚unsere‘ Leiden unter dem
Sowjet- respektivedemkommunistischenTerror anerkennen. ZudieserGruppe
gehörendiedreibaltischenMuseenunddasHausdesTerrors. IndiesemNarra-
tiv liegtderFokusaufderDarstellung ‚unseres‘Leidswährenddersowjetischen
Besatzung indenbaltischenLändernbzw.derstaatssozialistischenRepression,
wie sie imHausdesTerrors thematisiertwird.NurdieseAnerkennungdes„Ok-
kupationsfakts“ stelle den baltischen Museumsleitern zufolge das Überleben
des jungen Staates sicher. Alle vierMuseen dieser Gruppe verknüpfen auf die
eine oder andere Weise die staatssozialistischen Verbrechen mit der Zeit der
NS-Besatzung, und sei es nur durch dieWahl desOrtes für dasMuseum– im
Fall desMuseumsderGenozidopfer inVilnius jenesGebäudes, indemNS-wie
sowjetischeBesatzer folterten.
BisaufdasMuseumderGenozidopfer,dasvon1992bis2011dieunübersehba-
renSpurenderGestapo-Häftlingevölligausblendete,beginnenalleMuseendieser
Gruppemit einer symbolischenGleichsetzungvonNationalsozialismusundStali-
nismus, vonHakenkreuz und rotemStern, umdann imVerlauf der Ausstellung
diesozialistischenVerbrechenalsdie ‚schlimmeren‘darzustellen.AuchdieseMu-
seen rekurrieren auf von Holocaust-Museen ausgehende Trends. So kopiert das
BudapesterHaus des Terrors denTower of Faces imUSHMM, deutet aber die
individualisierende Darstellung in einen kollektiven ungarischen Opfermythos
168 DasUSHMMdientnichtnurpostsozialistischenMuseenalsVorbild.AuchzumBeispielder
Ort der Information unter demDenkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin orientiert
sichdaran.Aberdas istkein In-situ-MuseumaufdemGeländeeinesehemaligenKonzentrations-
lagers.KZ-GedenkstättenimdeutschsprachigenRaumbindendenOrtselbst,dieTäterInnenund
ihreBeziehungenzurUmgebungdesLagersweitausstärkerein.
276 5 Fazit
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Titel
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Untertitel
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Autor
- Ljiljana Radonić
- Verlag
- DE GRUYTER
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 338
- Schlagwörter
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918