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Rausch der Verwandlung
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belebt. Christine geht mit, ziellos den Opernring entlang. Vor einem großen Hotel macht sie halt, wie magnetisch angezogen. Eben ist ein Auto vorgefahren, die livrierten Boys stürzen heraus, nehmen Koffer und Tasche einer etwas orientalisch aussehenden Dame ab, die Drehtür schwenkt und schluckt sie auf. Christine kann nicht weiter, wie ein Trichter zieht sie diese Türe an, unwiderstehlich verlangt sie, wenigstens eine Minute die ersehnte Welt zu sehen. Ich werde hineingehen, denkt sie sich, was kann mir geschehen, wenn ich den Portier frage, ob Frau van Boolen aus New York schon angekommen ist, es wäre ja wirklich möglich. Aber einen Blick tun, einen einzigen, sich neu erinnern, sich stärker erinnern, wieder für eine Sekunde die andere sein. Sie tritt ein, der Portier parlamentiert mit der neueingelangten Dame, so kann sie ungehindert durch den Vorraum schreiten, sich alles ansehen, die Fauteuils, in denen zigarettenrauchende und plaudernde Herren sitzen in gutgeschnittenen, smarten Reisekleidern oder Smokings, mit zierlichen Lackpantoffeln. In einer Nische sitzt eine ganze Gesellschaft, drei junge Frauen, die laut französisch auf zwei junge Leute einsprechen und zwischendurch lachen, jenes sorglose lockere Lachen, jene Musik der Sorglosen, die sie selber berauscht. Rückwärts wartet eine weite Halle mit Marmorsäulen, das Restaurant. Befrackte Kellner halten am Eingang Wacht. Ich könnte doch hineingehen und hier essen, denkt Christine und fühlt automatisch die Ledertasche an, ob das Portemonnaie drin ist mit den zwei Hundertfrankenscheinen und den siebzig Schilling, die sie mitgenommen hat. Ich kann doch hier essen, was wird das kosten? Aber nur einmal wieder hier sitzen in einem Saal, bedient sein, beachtet, bewundert, verzärtelt und dazu Musik, ja auch hier hört man Musik von innen, locker und gedämpft. Aber die alte Angst ist wieder da. Sie hat nicht das Kleid, den Talisman, der diese Tür öffnet. Sie fühlt sich unsicher, plötzlich wächst sie auch hier wiederum empor, die unsichtbare Wand, das magische Pentagramm der Angst, das sie nicht zu überschreiten wagt. Die Schultern zittern ihr, rasch, wie fliehend geht sie aus dem Hotel heraus. Niemand hat sie angesehen, niemand hat sie aufgehalten, dieses Unbeachtetsein macht sie noch schwächer, als sie war, als sie hereinkam. Und wieder weiter, die Straßen entlang. Wohin gehen? Wozu bin ich eigentlich gekommen? Die Straßen werden allmählich schütter und leer, hastig schreiten ein paar Menschen vorbei, man merkt, sie wollen zum Abendessen. Ich werde essen gehen, denkt Christine, in irgendein Wirtshaus, nicht in ein so vornehmes Restaurant, wo mich jeder ansieht, sondern irgendwohin, wo es hell ist und wo Menschen sind. Sie findet eines und tritt ein. Fast alle Tische sind besetzt, sie findet einen leeren und setzt sich hin. Niemand beachtet sie. Der Kellner bringt ihr zu essen, sie kaut irgendwelche Speisen, gleichgiltig und nervös. Dazu bin ich hergekommen, denkt sie, was 125
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
Weiteres Belletristik
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