Seite - 125 - in Rausch der Verwandlung
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belebt. Christine geht mit, ziellos den Opernring entlang. Vor einem großen
Hotel macht sie halt, wie magnetisch angezogen. Eben ist ein Auto
vorgefahren, die livrierten Boys stürzen heraus, nehmen Koffer und Tasche
einer etwas orientalisch aussehenden Dame ab, die Drehtür schwenkt und
schluckt sie auf. Christine kann nicht weiter, wie ein Trichter zieht sie diese
Türe an, unwiderstehlich verlangt sie, wenigstens eine Minute die ersehnte
Welt zu sehen. Ich werde hineingehen, denkt sie sich, was kann mir
geschehen, wenn ich den Portier frage, ob Frau van Boolen aus New York
schon angekommen ist, es wäre ja wirklich möglich. Aber einen Blick tun,
einen einzigen, sich neu erinnern, sich stärker erinnern, wieder für eine
Sekunde die andere sein. Sie tritt ein, der Portier parlamentiert mit der
neueingelangten Dame, so kann sie ungehindert durch den Vorraum schreiten,
sich alles ansehen, die Fauteuils, in denen zigarettenrauchende und
plaudernde Herren sitzen in gutgeschnittenen, smarten Reisekleidern oder
Smokings, mit zierlichen Lackpantoffeln. In einer Nische sitzt eine ganze
Gesellschaft, drei junge Frauen, die laut französisch auf zwei junge Leute
einsprechen und zwischendurch lachen, jenes sorglose lockere Lachen, jene
Musik der Sorglosen, die sie selber berauscht. Rückwärts wartet eine weite
Halle mit Marmorsäulen, das Restaurant. Befrackte Kellner halten am
Eingang Wacht. Ich könnte doch hineingehen und hier essen, denkt Christine
und fühlt automatisch die Ledertasche an, ob das Portemonnaie drin ist mit
den zwei Hundertfrankenscheinen und den siebzig Schilling, die sie
mitgenommen hat. Ich kann doch hier essen, was wird das kosten? Aber nur
einmal wieder hier sitzen in einem Saal, bedient sein, beachtet, bewundert,
verzärtelt und dazu Musik, ja auch hier hört man Musik von innen, locker und
gedämpft. Aber die alte Angst ist wieder da. Sie hat nicht das Kleid, den
Talisman, der diese Tür öffnet. Sie fühlt sich unsicher, plötzlich wächst sie
auch hier wiederum empor, die unsichtbare Wand, das magische Pentagramm
der Angst, das sie nicht zu überschreiten wagt. Die Schultern zittern ihr,
rasch, wie fliehend geht sie aus dem Hotel heraus. Niemand hat sie
angesehen, niemand hat sie aufgehalten, dieses Unbeachtetsein macht sie
noch schwächer, als sie war, als sie hereinkam.
Und wieder weiter, die Straßen entlang. Wohin gehen? Wozu bin ich
eigentlich gekommen? Die Straßen werden allmählich schütter und leer,
hastig schreiten ein paar Menschen vorbei, man merkt, sie wollen zum
Abendessen. Ich werde essen gehen, denkt Christine, in irgendein Wirtshaus,
nicht in ein so vornehmes Restaurant, wo mich jeder ansieht, sondern
irgendwohin, wo es hell ist und wo Menschen sind. Sie findet eines und tritt
ein. Fast alle Tische sind besetzt, sie findet einen leeren und setzt sich hin.
Niemand beachtet sie. Der Kellner bringt ihr zu essen, sie kaut irgendwelche
Speisen, gleichgiltig und nervös. Dazu bin ich hergekommen, denkt sie, was
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik