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Rausch der Verwandlung
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mache ich hier? Ihr ist langweilig, dazusitzen, das weiße Tischtuch anzusehen. Man kann nicht immer essen, immer bestellen, man muß auch einmal aufstehen und wieder weitergehen. Aber wohin? Es ist erst neun Uhr. Ein Zeitungsausträger – willkommene Unterbrechung – tritt an den Tisch, bietet ihr Abendblätter an, sie kauft zwei, drei, nicht um zu lesen, sondern nur, um sie anzusehen und so zu tun, als ob sie beschäftigt sei, als ob sie auf jemand warte. Gleichgiltig sieht sie die Nachrichten durch. Was kümmert sie all das, Schwierigkeiten in der Regierungsbildung, Raubmord in Berlin, Anzeigen von der Börse, was dieses Geschwätz über die Sängerin an der Oper, ob sie bleibt oder nicht, ob sie zwanzigmal oder siebzigmal im Jahr singt, ich werde sie doch niemals hören. Schon legt sie das Blatt hin, da springt ihr in dicken Lettern auf der letzten Seite die Rubrik ›Vergnügung‹ entgegen: »Wohin gehen wir heute abends?« Und darunter Unterhaltungen, Theater, Tanzlokale, Bars. Nervös nimmt sie das Blatt und liest die Annoncen. »Tanzmusik: Café Oxford«, »Die Freddi Sisters, Carltonbar«, »Ungarische Zigeunerkapelle«, »Die berühmte Neger-Jazz-Band, geöffnet bis drei Uhr, Rendez-vous der besten Gesellschaft Wiens!« Einmal noch wieder dabei sein, wo die andern sich vergnügen, tanzen, sich auflockern lassen, den Panzer zersprengen, den unerträglichen, um die Brust. Sie notiert sich ein Lokal, zwei Lokale, beide, wie sie sich vom Kellner erklären läßt, nicht weit. In der Garderobe gibt sie ihren Mantel ab, leichter ist ihr jetzt, seit diese widerliche Hülle von ihr gefallen und Musik von unten scharf und schnell erklingt, sie geht die Stufen hinab ins Untergeschoß der Bar. Aber Enttäuschung, es ist noch halb leer. Im Orchester trommeln in weißen Jacken ein paar Burschen auf die Instrumente los, als wollten sie gewaltsam die paar Leute, die verlegen an den Tischen sitzen, in den Tanz treiben, aber nur ein einziges Paar, sichtlich berufsmäßiger Eintänzer, ein wenig schwarz geschminkt unter den Augenlidern, ein wenig zu genau frisiert und zu affektiert künstlich im Tanz, führt eine der Bardamen ohne Animo hin und her den quadratischen Tanzraum der Mitte entlang. Von den zwanzig Tischen sind vierzehn oder fünfzehn leer. An einem sitzen drei Damen, zweifellos im Beruf, die eine das Haar zu Asche entfärbt, die andere sehr männisch adjustiert in einem schwarzen Kleid und anliegendem Rock, der wie ein Smoking wirkt, die dritte, eine fette, vollbusige Jüdin, die langsam aus einem Strohhalm Whisky trinkt. Alle drei schauen sie mit merkwürdig abschätzenden Blicken an und beginnen dann leise zu lachen und zu tuscheln, mit dem geschulten Blick langjähriger Dienstzeit vermuten sie eine Anfängerin oder eine Provinzlerin. Die Herren, an den Tischen verstreut, Geschäftsreisende anscheinend, mangelhaft rasiert, abgemüdet und auf irgend etwas wartend, das sie aus ihrem Phlegma stimuliert, lümmeln vereinzelt an ihren Tischen, trinken Kaffee oder ein kleines Glas Schnaps. Christine hat ein 126
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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