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Rausch der Verwandlung
Seite - 127 -
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Gefühl beim Hereinkommen wie jemand, der, eine Treppe niedersteigend, mit dem Fuß ins Leere tritt. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt, aber der Kellner stürzt sich beflissen auf den Gast, fragt, wo das gnädige Fräulein Platz nehmen will, und so setzt sie sich hin, irgendwohin und wartet wie die andern in diesem unvergnüglichen Vergnügungsraum auf etwas, das kommen soll und das nicht kommt. Einmal steht einer der Herren (es war wirklich ein Manufaktursagent aus Prag) schwerfällig auf und zerrt sie im Tanz herum, dann aber stellt er sie wieder ab: er hat offenbar keinen Mut oder keine Lust, auch er spürt irgendwie das ›halb und halb‹ an dieser Fremden, das Sonderbare und Unentschiedene, das Wollen und Nichtwollen, und der Fall ist ihm (er muß morgen um 6 Uhr 30 mit dem Schnellzug weiter nach Agram) zu kompliziert. Immerhin, eine Stunde sitzt Christine da. Zwei neueingetroffene Herren haben sich inzwischen zu den Damen hinübergesetzt und machen dort Konversation, nur sie bleibt allein. Plötzlich ruft sie den Kellner, bezahlt und geht weg, die neugierigen Blicke der andern im Rücken, wütend, erbost, verzweifelt. Wieder auf der Straße. Es ist Nacht. Sie geht und weiß nicht wohin. Es ist alles einerlei. Alles ist jetzt einerlei, wenn man sie nehmen würde und hineinschleudern ins Wasser dort, in den Donaukanal, wenn das Auto, das beim Übergang gerade noch knapp vor der unaufmerksamen stoppt, sie niedergefahren hätte – alles ist ihr jetzt gleichgiltig. Auf einmal merkt sie, daß ein Schutzmann sie sonderbar ansieht und ihr schon nachschreiten will, als ob er sie etwas fragen wolle, da fällt ihr ein, man halte sie vielleicht für so etwas wie die Frauen da, die langsam zwischen den Schatten hervorkommen und die Männer ansprechen. Sie geht weiter und weiter. Es ist doch besser, ich kehre jetzt nach Hause zurück, was mache ich da, was tue ich denn? Plötzlich spürt sie einen Schritt hinter sich. Ein Schatten schiebt sich neben sie, der Herr des Schattens folgt nach, sieht ihr scharf ins Gesicht. »Nein, Fräulein, wirklich schon nach Hause?« Sie antwortet nicht. Aber er weicht nicht von ihrer Seite, beginnt zu sprechen, eindringlich, lustig, unwillkürlich tut es ihr wohl. Ob sie nicht noch wohingehen wolle? »Nein, keinesfalls.« »Aber ja, wer geht denn jetzt schon nach Hause? Nur in ein Café.« Sie gibt schließlich nach, nur um nicht allein zu sein. Es ist ein ganz netter Kerl, Bankbeamter, wie er erzählt, aber gewiß verheiratet, denkt sie sich. Wirklich, er hat einen Ring am Finger. Nun, gleichgiltig, sie will ja nichts von ihm, nur nicht jetzt schon allein sein, lieber da sich ein paar Spaße erzählen lassen, die man halb hört und halb nicht hört. Manchmal sieht sie ihn zwischendurch an: er ist nicht mehr jung, hat Falten unter den Augen, überarbeitet sieht er aus, abgehetzt und selber irgendwie zerknittert und zerdrückt wie sein Anzug. Aber er plaudert ganz nett. Zum erstenmal spricht sie wieder mit einem Menschen oder läßt ihn sprechen und weiß doch, es ist nicht das, was sie will. 127
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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