Seite - 129 - in Rausch der Verwandlung
Bild der Seite - 129 -
Text der Seite - 129 -
Schönbrunn hinaus, den Kindern die Viecher zeigen, und dann, es ist ein so
schöner Tag.« »Gern«, sagt Christine. Es ist gut, ein Irgendwohin zu wissen.
Es ist gut, mit Menschen zu sein. Der Schwager hakt ihr den Arm unter und
erzählt ihr allerhand Geschichten, während die Schwester die Kinder führt.
Der Mund steht nicht still in seinem breiten, gutmütigen Gesicht, und
freundlich tätschelt er ihr den Arm. Es geht ihm gut, man sieht’s ihm auf
zweihundert Schritte an, er ist zufrieden und hat eine ganz naive Freude an
diesem Zufriedensein. Noch sind sie nicht bei der Tramway, so hat er ihr
schon das große Geheimnis anvertraut, morgen wird er zum Bezirksvorsteher
gewählt von der Partei, aber darauf hat er auch ein Recht, ein Vertrauensmann
war er schon, kaum daß er vom Krieg zurückgekommen ist, und wenn’s gut
geht und man die Schwarzen unterkriegt, kommt er in den nächsten
Gemeinderat.
Christine geht an seiner Seite und hört ihm freundlich zu. Er ist sehr
sympathisch seit je, dieser einfache kleine Mann, der sich an kleinen Dingen
freut, ein guter Mensch, gefällig, leichtgläubig, zutraulich. Sie versteht, daß
die Kameraden ihn gern zu seinem bescheidenen Amt wählen, er verdient es
wahrhaftig. Aber doch, wenn sie ihn mit einem halben Blick von der Seite
ansieht, klein, rotbackig, gemächlich, die Speckfalte unter dem Kinn und das
Bäuchlein, das bei jedem Schritt schüttelt, denkt sie wirklich wie erschreckt
an ihre Schwester: aber wie kann sie nur … Ich würde es nicht ertragen, mich
anrühren zu lassen von diesem Mann. Aber gut ist es, mit ihm zu sein am
hellen Tag zwischen vielen Menschen. Vor den Gitterstäben der Menagerie
wird er mit den Kindern selbst zum Kind. Mit einem heimlichen Neid denkt
Christine: noch einmal sich so freuen können über solche Kleinigkeiten, nicht
nur nach Unmöglichem sich verzehren. Schließlich um fünf Uhr (die Kinder
müssen früh schlafen gehen) wird der Rückweg beschlossen. Zuerst stopft
man die Kinder in einen der sonntäglich überfüllten Straßenbahnwagen
hinein, dann sich selbst und steht da gepreßt im hastigen Geratter des Wagens.
Unwillkürlich erinnert sich Christine: das spiegelnde Auto, sauber im
Morgenlicht, die Luft aromatisch durchwürzt um die Schläfen fahrend, den
gefederten Sitz, im Nu überflogene Landschaft. Mit geschlossenen Augen
schwebt sie inmitten des Gedränges in fremder Sphäre. Wie lange dies dauert,
sie weiß es nicht. Da tippt sie der Schwager mahnend an die Schulter:
»Aussteigen müssen wir, du kommst doch noch zu uns bis zu deinem Zug,
auf einen Kaffee. Warte, ich gehe voran, ich druck euch einen Platz durch.«
Er schiebt sich vor, und klein, feist und massig wie er ist, bohrt er wirklich
glücklich mit dem vorgeschobenen Ellenbogen einen schmalen Gang durch
die mühselig zurückweichenden Bäuche, Schultern und Rücken. Schon ist er
bei der Tür, da bricht plötzlich ein Krach aus. »Stoßen Sie nicht so, Sie
Tölpel, einen in den Magen hinein«, schreit ein schmaler hoher Mann im
129
zurück zum
Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik