Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Weiteres
Belletristik
Rausch der Verwandlung
Seite - 130 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 130 - in Rausch der Verwandlung

Bild der Seite - 130 -

Bild der Seite - 130 - in Rausch der Verwandlung

Text der Seite - 130 -

Havelock ihn böse und zornig an. »Wer ist ein Tölpel? Sie haben es alle gehört, nicht wahr?« fährt cholerisch der Schwager auf. »Wer ist ein Tölpel?« Mühsam quetscht sich der eingekeilte magere Mann im Havelock durch, die andern starren auf. Ein Wortgefecht will beginnen, da schlägt plötzlich dem Schwager die zornige Stimme um: »Ferdinand, nein so was, na, das wäre was gewesen, jetzt hätte ich dir beinahe Krach gemacht.« Auch der andere staunt und lacht. Plötzlich fassen sich die beiden an den Händen und sehen sich in die Augen. Gar nicht los können sie voneinander, der Kondukteur muß mahnen: »Wenn die Herrschaften aussteigen wollen, dann aber schnell! Wir haben keine Zeit.« »Komm, du mußt mit uns aussteigen, wir wohnen gleich nebenan, nein, so was! Komm nur, komm!« Der schmale hohe Mann im Havelock hat ein ganz helles Gesicht bekommen. Von oben herab legt er dem Schwager die Hand auf die Schulter. »Gern, Franzi, natürlich komm ich mit dir.« Sie steigen beide ab. An der Haltestelle bleibt der Schwager stehen und schnaubt von der Anstrengung der Überraschung, sein ganzes Gesicht glänzt wie mit Fett beschmiert. »Nein, so was, daß man sich doch noch einmal im Leben wiedersieht, wie oft habe ich mir gedacht, wo du bist, und immer hab ich mir vorgenommen, ich muß einmal schreiben hinunter ins Hotel, wo du bist. Aber du weißt ja, man vergißt immer und schiebt alles wieder auf. Und jetzt bist du doch einmal da, nein, so was, was ich für eine Freud’ hab.« Der Fremde steht ihm gegenüber, er freut sich auch, man sieht es an dem kleinen Zittern um die Lippen. Nur ist er, der Jüngere, mehr beherrscht. »Na, na, laß es gut sein, ich glaube dir schon, Franzi«, sagt er und klopft dem kleinen Mann von oben herab auf die Schulter, »aber jetzt stelle mich den Damen vor, eine wird ja wohl die Nelly sein, deine Frau, von der du mir immer erzählt hast.« »Natürlich, natürlich, warte nur, ich war nur ganz baff. Nein, wirklich, was ich für eine Freud’ habe, Ferdinand!« Und dann zu den andern: »Du weißt doch, Ferdinand, der Farmer, der, von dem ich dir immer erzählt habe. Zwei Jahre sind wir zusammen gelegen in derselben Baracken drüben in Sibirien. Der einzige – ja, wirklich, Ferdinand, du weißt es ja – der einzige, der ein anständiger Kerl war unter dem ruthenischen und serbischen Glump, mit denen man uns zusammengepfropft hat, der einzige, mit dem man hat reden können und auf den ein Verlaß war. Nein, so was! Aber jetzt kommst gleich zu uns herauf, ich bin ja furchtbar neugierig auf alles. Nein, so was, wenn mir das heute jemand gesagt hätt’, daß ich noch so eine Freud’ haben werde – eine Tramway später, wenn ich gnommen hätte, und man hätte sich vielleicht nie mehr im Leben gesehn.« Nie hat Christine den behaglichen, dickblütigen Schwager so behende, so belebt gesehen, er läuft geradezu die Treppen des Hauses hinauf, schiebt als ersten den Freund hinein, der mit einer leisen, nachsichtig lächelnden Überlegenheit der immer wieder ausbrechenden Begeisterung seines 130
zurück zum  Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
Weiteres Belletristik
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Rausch der Verwandlung