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Rausch der Verwandlung
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weitergefahren bis abends. Ja, sozusagen hab’ ich Glück gehabt, nur die Sehne kaputt und zwei Finger gebrochen – eine Kleinigkeit.« Er hebt die Hand und zeigt: der dritte Finger ist schlaff und läßt sich nicht biegen. »Eine Kleinigkeit, nicht wahr, ein einziger Finger nach einem Weltkrieg und vier Jahren Sibirien. Aber man glaubt es nicht, was so ein toter Finger macht an einer lebendigen Hand. Man kann nicht zeichnen damit, wenn man Architekt werden will, man kann nicht maschineschreiben in einem Büro, man kann nirgends zugreifen, wo es schwere Arbeit gibt. Ein kleines Luder von einer Sehne, dünn wie ein Strich, und an so einem Faden hängt die ganze Karriere. Das ist so, wie wenn man in einem Grundriß von einem Haus einen Millimeter sich verzeichnet – nur eine Kleinigkeit – und das ganze Haus kracht zusammen.« Franz ist ganz bestürzt, immer wiederholt er sein hilfloses, ratloses: »Nein, so was! Nein, so was!« Man sieht, am liebsten würde ihm Franz über die Hand streichen; auch die Frauen sind ernst geworden und sehen interessiert den Fremden an. Endlich faßt sich der Schwager wieder und fragt: »Ja, erzähl weiter – was hast du dann gemacht, wie du zurückgekommen bist?« »Nun, das, was ich dir immer gesagt habe. Weiter studieren hab’ ich wollen auf der Technik, dort anstückeln, wo der Faden abgerissen ist, mich wieder hinsetzen auf die Schulbank mit fünfundzwanzig, wo ich mit neunzehn aufgestanden. Schließlich hätte ich es ja auch gelernt, mit der linken Hand zu zeichnen, aber da war wieder etwas im Wege, auch so eine Kleinigkeit.« »Na, was denn?« »Ja, das ist halt so eingerichtet in dieser Welt, daß das Studium allerhand kostet, und diese Kleinigkeit hat mir eben gefehlt – immer sind’s ja Kleinigkeiten.« »Ja, aber wie denn? Ihr habt doch immer Geld gehabt, ein Haus hattest du unten in Meran und Felder und Wirtschaft und die Tabaktrafik und die Krämerei … und … Du hast mir doch alles erzählt … und dabei die Großmutter, die immer nur gespart hat und keinen Knopf hergegeben und im kalten Zimmer geschlafen, weil ihr leid war um den Span zum Anzünden und um das Papier. Was ist denn mit ihr?« »Ja, einen schönen Garten hat sie noch und ein schönes Haus, geradezu ein Palais. Eben bin ich von dort in der Tramway gekommen, draußen von Lainz aus dem Versorgungshaus, dort hat man sie mit schwerer Mühe und Not aufgenommen. Und Geld hat sie überdies auch, einen schweren Haufen, eine ganze Kassette voll bis zum Rand. Zweihunderttausend Kronen sind darin in guten alten Tausendern. Bei Tag hat sie sie im Kasten, in der Nacht unter ihrem Bett. Alle Ärzte lachen sie aus, und die Wärter haben ihren Spaß. 133
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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