Seite - 133 - in Rausch der Verwandlung
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weitergefahren bis abends. Ja, sozusagen hab’ ich Glück gehabt, nur die
Sehne kaputt und zwei Finger gebrochen – eine Kleinigkeit.«
Er hebt die Hand und zeigt: der dritte Finger ist schlaff und läßt sich nicht
biegen. »Eine Kleinigkeit, nicht wahr, ein einziger Finger nach einem
Weltkrieg und vier Jahren Sibirien. Aber man glaubt es nicht, was so ein toter
Finger macht an einer lebendigen Hand. Man kann nicht zeichnen damit,
wenn man Architekt werden will, man kann nicht maschineschreiben in
einem Büro, man kann nirgends zugreifen, wo es schwere Arbeit gibt. Ein
kleines Luder von einer Sehne, dünn wie ein Strich, und an so einem Faden
hängt die ganze Karriere. Das ist so, wie wenn man in einem Grundriß von
einem Haus einen Millimeter sich verzeichnet – nur eine Kleinigkeit – und
das ganze Haus kracht zusammen.«
Franz ist ganz bestürzt, immer wiederholt er sein hilfloses, ratloses: »Nein,
so was! Nein, so was!« Man sieht, am liebsten würde ihm Franz über die
Hand streichen; auch die Frauen sind ernst geworden und sehen interessiert
den Fremden an. Endlich faßt sich der Schwager wieder und fragt: »Ja, erzähl
weiter – was hast du dann gemacht, wie du zurückgekommen bist?«
»Nun, das, was ich dir immer gesagt habe. Weiter studieren hab’ ich wollen
auf der Technik, dort anstückeln, wo der Faden abgerissen ist, mich wieder
hinsetzen auf die Schulbank mit fünfundzwanzig, wo ich mit neunzehn
aufgestanden. Schließlich hätte ich es ja auch gelernt, mit der linken Hand zu
zeichnen, aber da war wieder etwas im Wege, auch so eine Kleinigkeit.«
»Na, was denn?«
»Ja, das ist halt so eingerichtet in dieser Welt, daß das Studium allerhand
kostet, und diese Kleinigkeit hat mir eben gefehlt – immer sind’s ja
Kleinigkeiten.«
»Ja, aber wie denn? Ihr habt doch immer Geld gehabt, ein Haus hattest du
unten in Meran und Felder und Wirtschaft und die Tabaktrafik und die
Krämerei … und … Du hast mir doch alles erzählt … und dabei die
Großmutter, die immer nur gespart hat und keinen Knopf hergegeben und im
kalten Zimmer geschlafen, weil ihr leid war um den Span zum Anzünden und
um das Papier. Was ist denn mit ihr?«
»Ja, einen schönen Garten hat sie noch und ein schönes Haus, geradezu ein
Palais. Eben bin ich von dort in der Tramway gekommen, draußen von Lainz
aus dem Versorgungshaus, dort hat man sie mit schwerer Mühe und Not
aufgenommen. Und Geld hat sie überdies auch, einen schweren Haufen, eine
ganze Kassette voll bis zum Rand. Zweihunderttausend Kronen sind darin in
guten alten Tausendern. Bei Tag hat sie sie im Kasten, in der Nacht unter
ihrem Bett. Alle Ärzte lachen sie aus, und die Wärter haben ihren Spaß.
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik