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Rausch der Verwandlung
Seite - 135 -
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Lieber, in Österreich gehen alle Wege krumm, ich habe auch geglaubt, es wird ausreichen, und gehe hin auf das Invalidenamt und zeige ihnen, da und dort habe ich gedient und da ist mein Finger. Aber nein, ad eins, hatte ich den Nachweis zu erbringen, daß ich diese Verletzung im Kriege bezogen habe oder sie eine Kriegsfolge darstellt. Das ist nicht ganz leicht, wenn der Krieg 1918 aus war und sie 1921 zwischen Umständen passiert war, wo keiner ein Protokoll aufgenommen hat. Aber schließlich, das wäre noch gegangen. Doch dann machten die Herrschaften eine große Entdeckung – ja, Franz, da wirst du staunen, nämlich, daß ich gar nicht österreichischer Staatsbürger bin. Ich sei nach Taufschein geboren und zuständig in der Bezirkshauptmannschaft Meran, und um österreichischer Staatsbürger zu werden, hätte ich rechtzeitig optieren müssen. No, und dann war alles futsch!« »Ja, aber warum … warum hast du denn wirklich nicht optiert?« »Donnerwetter, jetzt fragst du auch schon genauso blöd wie die. Als ob die draußen in den Strohhütten und Baracken von Sibirien 1919 das deutsch- österreichische Amtsblatt plakatiert hätten. Mein Lieber, in unserem Tatarendorf haben wir nicht gewußt, ob Wien vielleicht in Böhmen liegt oder in Italien, und es war uns auch verflucht wurscht, uns hat es nur gekümmert, wo wir ein Stück Brot zwischen die Zähne kriegten und die Läuse aus dem Pelz, und wie man fünf Stunden weit ein Packel Zündhölzel kriegte oder eine Handvoll Tabak. Sehr nett da hätte ich optieren sollen für Österreich. Na, schließlich hat man mir wenigstens ein Käseblatt gegeben, ausgefüllt, daß ich voraussichtlich ›im Sinne des Artikels 65 sowie der Artikel 71 und 74 des Friedensvertrags von Saint-Germain vom 10. September 1919 österreichischer Staatsbürger‹ sei. Aber ich verkauf dir den Wisch für ein Packel Ägyptische, denn herausgekriegt habe ich bei allen Ämtern nicht einen Heller.« Jetzt kommt in Franz Bewegung. Plötzlich wird ihm wohl, weil er fühlt, daß er hier helfen kann. »Na, das richte ich dir, da verlaß dich drauf. Das werden wir schon durchdrücken. Wenn einer, so kann ich deinen Kriegsdienst bezeugen, und die Abgeordneten kenne ich von der Partei her, die machen schon einen Weg für mich, und vom Magistrat bekommst du eine Empfehlung – ah, das setzen wir schon durch, da kannst du dich verlassen.« »Dank dir, lieber Freund, für Speis und Trank! Aber ich geh’ keinen Schritt mehr. Ich habe genug, du weißt ja nicht, was ich für Papiere hab’ herschleppen müssen, Militärpapiere, Zivilpapiere, vom Bürgermeisteramt, von der italienischen Gesandtschaft, Mittellosigkeitsnachweis und ich weiß nicht was noch für papierenen Dreck. An Stempeln und Porto habe ich mehr ausgegeben, als der Bettel ausmacht in einem ganzen Jahr, und mir die Füße abgelaufen, daß es mir aufs Herz gebrannt hat. Im Bundeskanzleramt war ich, 135
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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