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Rausch der Verwandlung
Seite - 138 -
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nicht mehr den Zorn, daß sich ihr Mann in seinem eigenen Zimmer von diesem Fremden wie ein Bub rüffeln läßt. Auch Christine bemerkt ihren Zorn, und es ist ihr merkwürdig wohl dabei, am liebsten hätte sie laut herausgelacht, wie sie ihren Schwager, den zukünftigen Bezirksvorsteher, ganz geduckt sitzen sieht und endlich sich verlegen entschuldigen. »Wir haben doch alles getan, was zu tun war. Du siehst doch, gleich am ersten Tage haben wir Revolution gemacht … « »Revolution? Du erlaubst doch noch eine Zigarette, daß ich darauf blasen kann, auf eure Lamperlrevolution. Das k.k. Firmenschild habt’s umgedreht und neu angestrichen, aber in der Butike drinnen habt ihr alles gehorsam respektvoll beim alten gelassen, das Oben schön oben und das Unten schön unten, ihr habt euch gehütet, mit der Faust da gründlich hineinzufahren und umzukrempeln. Ein Nestroystück habt ihr aufgeführt, aber keine Revolution gemacht«. Er steht auf, geht heftig im Zimmer auf und ab, dann bleibt er plötzlich vor Franz stehen. »Nicht daß du mich mißverstehst, ich bin nicht von der Roten Fahne. Ich habe von zu nah gesehen, was ein Bürgerkrieg ist, und wenn man mir die Augen ausbrennte, könnte ich es nicht mehr vergessen. Wenn damals die Sowjets ein Dorf wieder genommen haben – dreimal ist es hin und her gegangen zwischen den Roten und den Weißen –, hat man uns alle zusammengeholt, die Leichen zu begraben. Ich habe sie mit eigenen Händen eingescharrt, verkohlte, zerfetzte Kadaver, Kinder und Weiber und Pferde, alles durcheinander, ein Grauen, ein Gestank; seitdem weiß ich, was das heißt, Bürgerkrieg, und wenn ich wüßte, ich könnte damit die ewige Gerechtigkeit vom Himmel holen und man müßte dafür lebendige Menschen so zurichten, ich täte nicht mehr mit. Mich geht es ja nichts mehr an, mich interessiert es nicht, ich bin nicht mehr für die Bolschewiken und nicht dagegen, nicht mehr Kommunist oder Kapitalist, mir ist alles einerlei, mich kümmert nur mehr eines, der Mensch, der ich bin, und der einzige Staat, dem ich dienen möchte, ist meine Arbeit. Aber wie die nächste Generation glücklich wird, ob so oder so, ob kommunistisch oder faschistisch oder sozialistisch, ist mir ganz wurscht, was kümmert es mich, wie die leben und leben werden, mich kümmert’s nur, daß ich endlich einmal mein zerfetztes Leben wieder zusammenkriege und da zum Austrag bringe, zu dem ich geboren bin. Wenn ich dort einmal bin, wo ich sein will, wenn ich wieder einmal Zeit habe zu atmen, vielleicht, wenn ich mein eigenes Leben in Ordnung habe, dann werde ich vielleicht einmal nach dem Abendessen nachdenken, wie man die Welt in Ordnung bringt. Aber erst muß ich wissen, wo ich stehe; ihr habt Zeit, euch um andere Sachen zu kümmern, ich nur um meine eigenen mehr.« 138
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
Weiteres Belletristik
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