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Rausch der Verwandlung
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Wenn wir uns hätten je streiten sollen, wir hätten Zeit genug gehabt, aber siehst du, daran liegt es. Daß wir alle an die Zeit vergessen, das macht’s aus. Aber vielleicht ist es besser so« – er fährt dem Kind übers Haar und ein gutes Licht läuft über seine Augen. »Vielleicht hätte ihm der Name kein Glück gebracht.« Er ist jetzt ganz ruhig geworden. Seit der Berührung mit dem Kind ist etwas Kindliches in seinem Gesicht aufgewacht. Ganz versöhnlich, ohne jede Unruhe geht er auf die Frau zu: »Nichts für ungut, Frau … Ich weiß, ich bin kein gemütlicher Gast und habe schon gemerkt, eine rechte Freude haben Sie nicht dran, wie ich mit dem Franz rede. Aber wenn man sich so einmal zwei Jahre lang gegenseitig die Läuse aus dem Haar geklaubt hat und einer den andern rasiert und aus demselben Trog gefressen und in demselben Dreck gelegen, dann wär’s wirklich ein Schwindel, wollten wir uns einer vor dem andern aufzäumen und nobel reden. Wenn man einen alten Kameraden trifft, so ist auch die alte Rede von damals da, und wenn ich ihn auch ein bissel heruntergeputzt hab, so war’s doch nur, weil es mich einen Moment geärgert hat. Aber er weiß und ich weiß, ganz kommen wir nie auseinander. Nur Sie möchte ich halt um Entschuldigung bitten, ich versteh’, daß Sie froh sind, wenn ich jetzt wieder die Treppen runtergeh’. Mein Wort, ich versteh’s.« Nelly verbirgt den Ärger. Er hat genau das gesagt, was sie sich gedacht hat. »Nein, nein, wann immer Sie kommen, werde ich mich freuen, und es tut ihm nur gut, wenn er jemand hat. Kommen Sie doch einen Sonntag zum Mittagessen, wir werden uns alle immer freuen.« Aber das Wort »Freude« hat keinen Klang, es klingt nicht ganz echt, und auch die Hand, die er fühlt, ist kühl und fremd. Dann verabschiedet er sich von Christine ohne ein Wort. Eine Sekunde nur spürt sie seine Augen, neugierig und warm, dann geht er zur Tür und Franz ihm nach. »Ich begleite dich noch bis zur Haustür.« Sie sind kaum draußen, so stößt Nelly heftig die Fenster auf. »Wie sie das Zimmer vollgedampft haben, es ist zum Ersticken«, sagt sie entschuldigend zu Christine und klopft die volle Aschenschale auf das Fensterblech, daß es scharf klingt und schrill wie ihre Stimme. Christine versteht ihre Bewegung. Alles, was von diesem Menschen hereingeströmt ist, will sie draußen haben mit diesem Fensteraufreißen. Wie eine Fremde sieht sie die Schwester an: wie hart sie geworden ist, wie mager, wie dürr, und war doch früher so leicht und flink. Das kommt von der Gier, jetzt krallt sie sich an diesen Mann heran wie ans Geld. Nicht einmal an einen Freund will sie etwas hergeben von ihm. Ganz muß er ihr bleiben, ganz untertänig und brav arbeiten und sparen, damit 141
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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