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Schwager ein bißchen gutmütig höhnisch auf sein Bäuchlein zu klopfen.
»Nein«, sagt sie, um ihn zu beruhigen, »ich habe das sofort verstanden. Es
war ja ein bissel peinlich, daß er so stürmisch war in seiner Freude, am
liebsten hätte er Sie in Watte eingewickelt, und ich verstehe, daß man sich da
geniert.«
»Das … das freut mich, daß Sie das sagen. Ihre Schwester, die hat es nicht
gemerkt, oder vielleicht hat sie es richtig gemerkt, daß er sofort, wie er mich
gesehen hat, irgendein anderer geworden ist … Einer, den sie gar nicht kennt
und von dem sie gar nicht weiß, daß wir aus der Zeit, wo wir
zusammengesperrt waren wie zwei Sträflinge in einer Zelle, Tag und Nacht
und Nacht und Tag, so viel voneinander wissen, wie die eigene Frau nicht von
ihm weiß, und daß, wenn ich wollte, ich ihn zu allem kriegen könnte und er
mich. Das hat sie gespürt, obwohl ich es verstecken wollte und so tun, als ob
ich einen Zorn auf ihn hätt’ oder einen Neid … Es ist wahr, ich stecke
vielleicht voller Zorn … aber Neid hab’ ich auf niemanden, ich mein’ so einen
Neid, daß ich sagen möchte, ich will’s gut haben und die andern sollen’s
schlecht haben … Ich gönne jedem seine Freude, nur das natürlich … dafür
kann ich nichts, dafür kann niemand, daß er sich manchmal sagt, wenn er die
andern warm in der Wolle sieht … warum nicht auch ich … Sie verstehen
mich recht … Ich meine nicht, warum nicht ich statt dem … nur, warum nicht
ich auch.«
Christine bleibt unwillkürlich stehen. Der Mann neben ihr hat schon genau
gesagt, was sie denkt, die ganze Zeit schon. Ganz klar hat er ausgesprochen,
was sie nur dumpf gefühlt hat. Niemand etwas wegnehmen, nur auch sein
Recht haben, sein Stück Leben, nur nicht immer draußen stehen und drunten,
die Füße im Schnee, während die andern drinnen sitzen.
Er mißversteht ihr Stehenbleiben, er meint, sie habe genug von seiner
Begleitung, sie wolle ihn verabschieden.Unentschlossen steht er vor ihr und
macht schon eine Bewegung, zum Hut zu greifen. Sie verfolgt den ganzen
Körper entlang die Geste, die aus ihm wächst, und dann mit einem rapiden
Blick die schlechten, zertretenen Schuhe, die ungebügelte, an ihren Rändern
zerfranste Hose, sie versteht, daß es nur die Abgetragenheit und Armut ist, die
diesen energischen Mann vor ihr so unsicher macht. In dieser einen Sekunde
sieht sie sich selbst vor dem Hotel und spürt das Zittern von damals in ihrer
koffertragenden Hand, und sie versteht seine Unsicherheit, so als ob sie den
Körper mit ihm getauscht hätte. Und sofort hat sie das Bedürfnis, ihm selbst –
das heißt sich in diesem Menschen – zur Hilfe zu kommen.
»Ich muß jetzt zur Bahn«, sagt sie und merkt mit einem kleinen Stolz, wie
er erschrickt. »Aber wenn Sie mich begleiten wollen … «
»Oh, bitte, mit größtem Vergnügen«, und in diesem glücklich erschreckten
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik