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Rausch der Verwandlung
Seite - 147 -
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bestürztes Gesicht weckt bei ihr ein plötzliches Mitleid und mit einem plötzlichen Erinnern sagt sie: »Übrigens, ich könnte auch noch den späteren Zug nehmen. Um zehn Uhr zwanzig geht noch ein Zug, da könnte man noch spazierengehen und hier irgendwo zu Abend essen… Das heißt, wenn Sie nichts vorhaben… « Während sie es sagt, genießt sie die unvermutete Freude, die von den erhellten Augen dieses Menschen auf das ganze Gesicht überschwemmt und dann den vokalisch jubelnden Aufschlag: »Oh, aber nicht das geringste.« Sie verstauen den Koffer an der Bahn und gehen noch eine Zeit planlos die Gassen und Straßen entlang. Ein blauer Nebel, dunkelt allmählich der Septemberabend heran, Laternen schweben wie kleine weiße Monde zwischen den Häusern. Sie gehen mit langsamen, schlendernden Schritten nebeneinander und sprechen ein gewichtloses und gleichsam spaziergängerisches Gespräch. Irgendwo in der Vorstadt entdecken sie ein kleines billiges Gasthaus, man kann noch im Freien sitzen, in einem Hinterhof mit kleinen künstlichen Lauben, die einen Tisch vom andern mittels einer halb durchsichtigen Efeuwand abteilen. Man ist da allein und doch nicht allein, von den andern gesehen und doch nicht belauscht; beide freuen sie sich, als sie solch eine Ecke im Gasthausgarten noch frei finden. Rings um den Hof erheben sich die andern Häuser, ein Fenster steht auf, ein Grammophon klimpert undeutlich einen Walzer, von den Nebentischen hört man Lachen oder sieht das stille friedliche Glucksen behäbig einsamer Trinker, und auf jedem Tisch steht, wie eine gläserne Blüte, ein Windlicht, um das neugierig und schwarz kleine Insekten brummen. Angenehm kühl ist es. Er legt den Hut nieder, und da er ihr gerade gegenüber sitzt, sieht sie, abgehellt von der ruhigen Kerze, ganz deutlich sein Gesicht: tirolerisch hart und holzschnitzerisch die Knochen herausgemeißelt, an den Augenwinkeln und um den Mund kleine Strichel und Falten, ein straffes, strenges und doch irgendwie abgenütztes Gesicht. Aber hinter diesem Gesicht steht gewissermaßen ein zweites, wie hinter seiner Stimme im Zorn eine zweite ist, und dieses zweite beginnt, wenn er lächelt, wenn diese Falten sich spannen und das Stoßhafte in den Augen einer Helligkeit weicht. Dann kommt etwas knabenhaft Weiches hervor, beinahe ein Kindergesicht, zutraulich, zart und unwillkürlich muß sie sich erinnern, so hat ihn der Schwager gekannt, so muß er damals gewesen sein. Diese beiden Gesichter wechseln sonderbar im Gespräch durcheinander. Sofort wenn er die Brauen anspannt oder den Mund bitter zusammenzieht, fallen plötzlich Schatten herein, und es ist wie wenn eine Wolke plötzlich über das Grün einer Wiese hingeht und sie verdunkelt. Sonderbar, denkt sie, wie kann es möglich sein, als ob zwei Menschen in diesem Menschen wären. Dann erinnert sie sich an ihre eigene Verwandlung und an den vergessenen Spiegel, der irgendwo jetzt für andere Menschen in 147
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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