Seite - 148 - in Rausch der Verwandlung
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einem meilenweit entfernten Zimmer steht.
Der Kellner bringt ihnen die bestellten einfachen Speisen und in zwei
Gläsern hellen Gumpoldskirchner Wein. Er nimmt sein Glas, glänzt ihr mit
dem Blick entgegen und hebt es hoch, um mit ihr anzustoßen. Aber wie er
sich aufrichtet, um es zu heben, gibt es einen kleinen, trocken klappernden
Laut. Ein loser Knopf hat sich abgelöst von seinem Rock, kollert und kreiselt
boshaft auf dem Tisch herum, ehe er hinabfällt. Der kleine Zwischenfall
verdunkelt sofort sein Gesicht. Er bemüht sich, den Knopf zu haschen, ihn zu
verstecken, aber sobald er merkt, daß ihr der kleine Unfall nicht entgangen ist,
wird er verlegen, düster und verwirrt. Christine versucht, nicht hinzusehen.
Das winzige Zeichen ergreift sie. Niemand denkt und sorgt für ihn! Aus dem
Instinkt heraus merkt sie sofort, keine Frau kümmert sich um ihn. Schon
früher hat sie mit geschultem Blick bemerkt, daß sein Hut unausgebürstet ist
und dicke Krusten Staub das Band belagern, die bauchig zerknitterte,
ungebügelte Hose ist ihr nicht entgangen, und sie versteht aus eigenem
Erlebnis seine Verwirrung.
»Heben Sie ihn nur auf«, sagt sie. »Ich habe in meiner Tasche immer Nadel
und Zwirn, unsereins muß sich ja alles selber machen, ich nähe ihn Ihnen hier
gleich an.«
»Aber nein«, sagt er ganz erschrocken. Doch immerhin, er gehorcht und
bückt sich hinab, den entlaufenen Verräter aus dem Kies zu holen, dann aber
hält er ihn in der Hand versteckt, ungewiß und voll Widerstand.
»Nein, nein«, entschuldigt er sich, »das lasse ich schon zu Hause machen.«
Und als sie noch einmal darauf besteht, wird er plötzlich heftig. »Nein, ich
will nicht! Ich will nicht!« und krampfhaft macht er die beiden andern Knöpfe
des Rockes zu. Christine drängt nicht mehr. Sie merkt, er schämt sich. Es ist
etwas zerstört in ihrem guten Beisammensein, und plötzlich spürt sie an
seinen gekniffenen Lippen: jetzt wird er etwas Böses sagen. Er wird
irgendwie ausfallend werden, weil er sich schämt.
Und wirklich, es kommt. Er duckt sich gewissermaßen in sich zusammen
und sieht sie herausfordernd an. »Ich weiß, ich bin nicht ordentlich
angezogen, aber ich habe ja nicht gewußt, daß mich jemand anschauen wird.
Für den Besuch im Versorgungshaus war es gerade gut genug. Wenn ich es
gewußt hätte, hätte ich mich besser angezogen, oder übrigens – es ist gar nicht
wahr. Die Wahrheit zu sagen, ich hab’ kein Geld, um mich anständig
anzuziehen, ich hab’s nun einmal nicht, oder wenigstens nicht auf einmal.
Einmal kauf ich mir neue Schuhe, inzwischen ist der Hut hin, einmal einen
Hut, dann ist der Rock abgeschunden, und einmal das und einmal das, aber
ich komme nicht nach. Ob es meine Schuld ist oder nicht, das ist mir
gleichgiltig. Nehmen Sie es also zur Kenntnis, daß ich schlecht angezogen
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik