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Rausch der Verwandlung
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bin.« Christine regt die Lippe, aber ehe sie noch sprechen kann, fährt er schon wieder drein. »Bitte, keine Tröstungen, ich weiß schon alles im voraus, Sie werden mir sagen, Armut ist keine Schande. Aber das ist nicht wahr, wenn man’s nicht verstecken kann, ist es doch eine Schand’, es hilft nichts, man schämt sich ja doch, so wie man sich schämt, wenn man einen Schmutzfleck macht auf einen fremden Tisch. Ist es verdient oder unverdient, redlich oder lumpig, Armut stinkt. Ja, sie stinkt, stinkt so wie ein Zimmer stinkt, das ebenerdig in einen Lichthof geht, und die Kleider, die man nicht oft genug wechselt. Man riecht es selber, als ob man selber Jauche wäre. Das läßt sich nicht abwischen. Das hilft so wenig, wenn man sich einen neuen Hut aufsetzt, wie wenn sich einer den Mund ausspült, der vom Magen her aus dem Munde riecht. Das sitzt um einen und hängt an einem und jeder spürt’s, der einen nur anstreift oder einen ansieht. Gleich hat’s Ihre Schwester gespürt, ich kenne diese zerfransenden Blicke der Frauen, wenn sie einem auf die zerfranste Manschette schauen, ich weiß, es ist peinlich für die andern, aber zum Teufel, es ist noch peinlicher für einen selbst. Da kann man nicht heraus, da kann man nicht darüber hinweg, höchstens daß man sich besauft, und hier«, er greift nach dem Glas und trinkt es demonstrativ schnell und wild – »hier liegt das große soziale Problem, warum die sogenannten niedern Klassen verhältnismäßig mehr dem Alkohol zusprechen. Das ganze Problem, über das sich dann die Gräfinnen, Patronessen in Wohltätigkeitsvereinen beim Tee den Kopf zerbrechen. Die paar Minuten, die paar Stunden spürt man’s nicht, daß man den andern lästig ist und sich selbst. Ich weiß, daß es keine sonderliche Ehre ist, mit jemand in einem solchen Aufzug gesehen zu werden, aber mir selbst ist es auch kein Vergnügen. Wenn Sie sich genieren, so sagen Sie es bitte, aber keine Höflichkeit und kein Mitleid!« Er stößt den Sessel zurück, in der Hand zuckt die Drohung, aufzustehen. Christine legt ihm rasch die Hand auf den Arm: »Nicht so laut! Was geht das die Leute da an? Rücken Sie näher her.« Er gehorcht. Das Herausfordernde schlägt sofort wieder um in Ängstlichkeit. Christine bemüht sich, ihr Mitleid zu verbergen. »Wozu quälen Sie sich, und warum wollen Sie mich quälen? Es ist doch alles Unsinn. Halten Sie mich wirklich für eine ›Dame‹, wie man so sagt? Wenn ich es wäre, so würde ich kein Wort verstehen von dem, was Sie jetzt gesagt haben, und Sie für überreizt, ungerecht und gehässig halten. Aber ich verstehe es und will Ihnen erzählen warum. Rücken Sie nur näher, die Leute brauchen es nebenan nicht zu hören.« Sie erzählt ihm ihre Reise, alles erzählt sie: die Erbitterung, die Beschämung, die Begeisterung, die Verwandlung; es ist ihr eine Lust, zum 149
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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