Seite - 149 - in Rausch der Verwandlung
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bin.«
Christine regt die Lippe, aber ehe sie noch sprechen kann, fährt er schon
wieder drein. »Bitte, keine Tröstungen, ich weiß schon alles im voraus, Sie
werden mir sagen, Armut ist keine Schande. Aber das ist nicht wahr, wenn
man’s nicht verstecken kann, ist es doch eine Schand’, es hilft nichts, man
schämt sich ja doch, so wie man sich schämt, wenn man einen Schmutzfleck
macht auf einen fremden Tisch. Ist es verdient oder unverdient, redlich oder
lumpig, Armut stinkt. Ja, sie stinkt, stinkt so wie ein Zimmer stinkt, das
ebenerdig in einen Lichthof geht, und die Kleider, die man nicht oft genug
wechselt. Man riecht es selber, als ob man selber Jauche wäre. Das läßt sich
nicht abwischen. Das hilft so wenig, wenn man sich einen neuen Hut aufsetzt,
wie wenn sich einer den Mund ausspült, der vom Magen her aus dem Munde
riecht. Das sitzt um einen und hängt an einem und jeder spürt’s, der einen nur
anstreift oder einen ansieht. Gleich hat’s Ihre Schwester gespürt, ich kenne
diese zerfransenden Blicke der Frauen, wenn sie einem auf die zerfranste
Manschette schauen, ich weiß, es ist peinlich für die andern, aber zum Teufel,
es ist noch peinlicher für einen selbst. Da kann man nicht heraus, da kann
man nicht darüber hinweg, höchstens daß man sich besauft, und hier«, er
greift nach dem Glas und trinkt es demonstrativ schnell und wild – »hier liegt
das große soziale Problem, warum die sogenannten niedern Klassen
verhältnismäßig mehr dem Alkohol zusprechen. Das ganze Problem, über das
sich dann die Gräfinnen, Patronessen in Wohltätigkeitsvereinen beim Tee den
Kopf zerbrechen. Die paar Minuten, die paar Stunden spürt man’s nicht, daß
man den andern lästig ist und sich selbst. Ich weiß, daß es keine sonderliche
Ehre ist, mit jemand in einem solchen Aufzug gesehen zu werden, aber mir
selbst ist es auch kein Vergnügen. Wenn Sie sich genieren, so sagen Sie es
bitte, aber keine Höflichkeit und kein Mitleid!«
Er stößt den Sessel zurück, in der Hand zuckt die Drohung, aufzustehen.
Christine legt ihm rasch die Hand auf den Arm: »Nicht so laut! Was geht das
die Leute da an? Rücken Sie näher her.«
Er gehorcht. Das Herausfordernde schlägt sofort wieder um in
Ängstlichkeit. Christine bemüht sich, ihr Mitleid zu verbergen. »Wozu quälen
Sie sich, und warum wollen Sie mich quälen? Es ist doch alles Unsinn. Halten
Sie mich wirklich für eine ›Dame‹, wie man so sagt? Wenn ich es wäre, so
würde ich kein Wort verstehen von dem, was Sie jetzt gesagt haben, und Sie
für überreizt, ungerecht und gehässig halten. Aber ich verstehe es und will
Ihnen erzählen warum. Rücken Sie nur näher, die Leute brauchen es nebenan
nicht zu hören.«
Sie erzählt ihm ihre Reise, alles erzählt sie: die Erbitterung, die
Beschämung, die Begeisterung, die Verwandlung; es ist ihr eine Lust, zum
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik