Seite - 150 - in Rausch der Verwandlung
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erstenmal von diesem Rausch des Reichtums sprechen zu dürfen, und wieder
eine andere, eine böse und selbstquälerische Lust, zu schildern, wie beim
Weggehen der Portier sie anhielt wie eine Diebin, nur weil sie selbst ihren
Koffer trug und das schlechte, schäbige Kleid. Er sitzt still und stumm, nur
seine Nüstern spannen sich auf und zittern. Sie spürt, er atmet alles in sich
hinein. Er versteht sie, so wie sie ihn versteht mit der Solidarität des Zorns
und der Zurückgesetztheit. Und da sie den Damm aufgeschlossen, kann sie
ihn nicht mehr schließen. Sie erzählt mehr als sie eigentlich will von sich, der
Haß gegen das Dorf, die Wut wegen der vergeudeten Jahre, sie strömt stark
und bildhaft heraus. Niemand hat sie sich jemals so sehr aufgeschlossen.
Er sitzt stumm, ohne sie anzusehen. Er beugt sich immer tiefer in sich
hinein. »Verzeihen Sie«, sagt er schließlich gleichsam von unten her, »daß ich
Sie so töricht angefahren habe. Ich könnte mich schlagen, daß ich immer
gleich so tölpisch werde, so zornig, so aggressiv, als ob der erste beste, dem
ich begegne, Schuld hätte an allem und allem. Und als ob ich der einzige
wäre. Ich weiß doch, daß ich nur einer bin aus Legionen und Millionen. Jeden
Morgen, wenn ich in meinen Dienst gehe, sehe ich die andern, wie sie aus den
Haustoren treten, unausgeschlafen, unfreudig, mit ausgelöschten Gesichtern,
wie sie zu einer Arbeit gehen, die sie nicht wollen und lieben und die sie
nichts angeht, und ich sehe sie wieder abends in den Straßenbahnen, wie sie
zurückkommen, Blei in den Blicken und Blei in den Füßen, alle sinnlos
abgemüdet, oder um einen Sinn, den sie nicht verstehen. Nur, sie wissen es
alle nicht, glauben und spüren es alle nicht so stark wie ich, diese
grauenhafte Sinnlosigkeit. Für sie heißt Vorwärtskommen schon zehn
Schilling mehr im Monat haben oder einen andern Titel bekommen, eine
andere Hundemarke, oder sie gehen abends in ihre Versammlungen und
lassen sich vorreden, die kapitalistische Welt stünde vor ihrem Untergang, der
sozialistische Gedanke würde die Welt erobern, nur ein Jahrzehnt noch, zwei
Jahrzehnte, und man werde sie schon unterkriegen, aber ich bin nicht so
geduldig. Ich kann nicht warten, ein Jahrzehnt, zwei Jahrzehnte. Ich bin
dreißig Jahre, davon sind elf vertan. Ich bin dreißig Jahre und weiß noch
nicht, wer ich bin, und weiß noch nicht, wozu die Welt da ist, habe nichts
gesehen als Dreck und Blut und Schweiß. Ich habe nichts getan als gewartet,
gewartet und wieder gewartet. Ich kann es nicht mehr ertragen, dieses
Untensein, dieses Außensein, es macht mich rasend, es macht mich krank,
und ich spüre, die Zeit läuft mir weg unter den zerrissenen Schuhen, wenn
man immer nur Handlanger ist von andern und dabei weiß, man ist nicht
weniger als der Architekt, der einen kommandiert, man versteht ebensoviel
von allem wie die andern, die oben sitzen, und hat dieselben Lungen, das
gleiche Blut und ist nur zu spät gekommen; man ist vom Wagen gefallen und
holt ihn nicht mehr ein, soviel man auch rennt und rennt. Man weiß, man
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Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik