Seite - 151 - in Rausch der Verwandlung
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könnte alles – ich habe einiges gelernt, bin vielleicht nicht dumm, war der
Erste im Gymnasium, in der Klosterschule, habe ganz gut Musik gemacht,
nebenbei bei einem Pater aus der Auvergne französisch gelernt. Aber ich habe
kein Klavier und kann nicht darauf spielen und verlern’s, ich habe niemand,
mit dem ich französisch sprechen kann, und verlern’s. Ich habe anständig auf
der Technik gelernt in den zwei Jahren, während die andern in
Burschenschaften sich herumgeschlagen haben, und weitergearbeitet in der
Gefangenschaft im sibirischen Hundekotter, und doch, ich komme nicht
vorwärts. Ein Jahr brauchte ich, ein freies Jahr, so wie man einen Anlauf
braucht, um einen Sprung zu tun … Ein Jahr und ich wäre droben, ich weiß
nicht wo, ich weiß nicht wie, nur das weiß ich, heute könnte ich noch die
Zähne zusammenbeißen und alle Muskeln straffen, zehn Stunden lernen,
vierzehn Stunden, – aber noch paar solche Jahre, und ich bin wie die andern,
ich werde müde sein und zufrieden, werde mich abfinden und sagen: erledigt!
Vorbei! Aber heute kann ich es noch nicht, heute hasse ich sie alle, diese
Zufriedenen, sie reizen mich auf, daß ich manchmal gewaltsam die Faust in
der Tasche ballen muß, um ihnen nicht in ihre Behaglichkeit
hineinzuschlagen. Da sehen Sie, die drei nebenan. Die ganze Zeit, während
ich mit Ihnen spreche, ärgern sie mich, ich weiß nicht warum, vielleicht aus
Neid, weil sie so blöd lustig sind, so bürgerlich vergnügt. Sehen Sie sie an,
das sind sie, Kommis wahrscheinlich der eine, in einem Kurzwarengeschäft,
den ganzen Tag holt der die Ballen vom Laden und bückt sich und schwätzt
›Neueste Mode, der Meter 1.80, echt englische Ware, haltbar, dauerhaft‹, und
dann schmeißt er den Ballen wieder hinauf und holt einen neuen und wieder
einen andern und dann ein paar Litzen und Fransen, und geht abends heim
und glaubt, er hat gelebt; und die andern, vielleicht ist der eine beim Zoll oder
bei der Postsparkasse, den ganzen Tag hämmert er Zahlen, Zahlen,
hunderttausend, Millionen Zahlen, Zinsen, Zinseszinsen, Debet und Kredit
und weiß nicht, wem es gehört, wer zahlt und bezahlt, wer schuldet und
warum, wer besitzt und warum, nichts weiß er und geht abends nach Hause
und glaubt, daß er gelebt; und der dritte, wo ist er, ich weiß nicht, bei einem
Magistrat oder irgendwo, aber an seinem Hemd sehe ich es, auch er schreibt
den ganzen Tag Papier, Papier, Papier an demselben Holztisch mit derselben
lebendigen Hand. Aber heute, weil es Sonntag ist, haben sie sich Pomade ins
Haar und Vergnügen auf die Gesichter geschmiert. Sie warenbeim Fußball
oder beim Rennen oder mit einem Mädel und jetzt erzählen sie sich’s, und
einer schmalzt sich vor dem andern groß, wie klug, wie geschickt, wie tüchtig
er ist – da hören Sie nur, wie sie lachen, breit, bequem, selbstzufrieden, diese
Maschinen auf Sonntagsurlaub, diese ausgeborgten Arbeitskadaver, hören Sie
nur, wie sie lachen, heiß und fett, die armen Hunde, weil man sie einmal von
der Kette losgelassen hat, glauben sie, ihnen gehört das Haus und die Welt;
ins Gesicht könnte ich ihnen schlagen.«
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Buch Rausch der Verwandlung"
Rausch der Verwandlung
- Titel
- Rausch der Verwandlung
- Autor
- Stefan Zweig
- Datum
- 1982
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 204
- Kategorien
- Weiteres Belletristik