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Rausch der Verwandlung
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könnte alles – ich habe einiges gelernt, bin vielleicht nicht dumm, war der Erste im Gymnasium, in der Klosterschule, habe ganz gut Musik gemacht, nebenbei bei einem Pater aus der Auvergne französisch gelernt. Aber ich habe kein Klavier und kann nicht darauf spielen und verlern’s, ich habe niemand, mit dem ich französisch sprechen kann, und verlern’s. Ich habe anständig auf der Technik gelernt in den zwei Jahren, während die andern in Burschenschaften sich herumgeschlagen haben, und weitergearbeitet in der Gefangenschaft im sibirischen Hundekotter, und doch, ich komme nicht vorwärts. Ein Jahr brauchte ich, ein freies Jahr, so wie man einen Anlauf braucht, um einen Sprung zu tun … Ein Jahr und ich wäre droben, ich weiß nicht wo, ich weiß nicht wie, nur das weiß ich, heute könnte ich noch die Zähne zusammenbeißen und alle Muskeln straffen, zehn Stunden lernen, vierzehn Stunden, – aber noch paar solche Jahre, und ich bin wie die andern, ich werde müde sein und zufrieden, werde mich abfinden und sagen: erledigt! Vorbei! Aber heute kann ich es noch nicht, heute hasse ich sie alle, diese Zufriedenen, sie reizen mich auf, daß ich manchmal gewaltsam die Faust in der Tasche ballen muß, um ihnen nicht in ihre Behaglichkeit hineinzuschlagen. Da sehen Sie, die drei nebenan. Die ganze Zeit, während ich mit Ihnen spreche, ärgern sie mich, ich weiß nicht warum, vielleicht aus Neid, weil sie so blöd lustig sind, so bürgerlich vergnügt. Sehen Sie sie an, das sind sie, Kommis wahrscheinlich der eine, in einem Kurzwarengeschäft, den ganzen Tag holt der die Ballen vom Laden und bückt sich und schwätzt ›Neueste Mode, der Meter 1.80, echt englische Ware, haltbar, dauerhaft‹, und dann schmeißt er den Ballen wieder hinauf und holt einen neuen und wieder einen andern und dann ein paar Litzen und Fransen, und geht abends heim und glaubt, er hat gelebt; und die andern, vielleicht ist der eine beim Zoll oder bei der Postsparkasse, den ganzen Tag hämmert er Zahlen, Zahlen, hunderttausend, Millionen Zahlen, Zinsen, Zinseszinsen, Debet und Kredit und weiß nicht, wem es gehört, wer zahlt und bezahlt, wer schuldet und warum, wer besitzt und warum, nichts weiß er und geht abends nach Hause und glaubt, daß er gelebt; und der dritte, wo ist er, ich weiß nicht, bei einem Magistrat oder irgendwo, aber an seinem Hemd sehe ich es, auch er schreibt den ganzen Tag Papier, Papier, Papier an demselben Holztisch mit derselben lebendigen Hand. Aber heute, weil es Sonntag ist, haben sie sich Pomade ins Haar und Vergnügen auf die Gesichter geschmiert. Sie warenbeim Fußball oder beim Rennen oder mit einem Mädel und jetzt erzählen sie sich’s, und einer schmalzt sich vor dem andern groß, wie klug, wie geschickt, wie tüchtig er ist – da hören Sie nur, wie sie lachen, breit, bequem, selbstzufrieden, diese Maschinen auf Sonntagsurlaub, diese ausgeborgten Arbeitskadaver, hören Sie nur, wie sie lachen, heiß und fett, die armen Hunde, weil man sie einmal von der Kette losgelassen hat, glauben sie, ihnen gehört das Haus und die Welt; ins Gesicht könnte ich ihnen schlagen.« 151
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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