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Rausch der Verwandlung
Seite - 153 -
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Christine sieht vor sich in das Windlicht hinein. Es zittert leicht, ein kühler Wind läßt die Flamme erbeben und ihr blauer, herzförmiger Kern lodert plötzlich schmal nach oben. Dann antwortet sie: »Ich auch nicht.« Sie sprechen eine Zeit nicht, das unvermutet schmerzhaft gespannte Gespräch hat beide erschöpft. Bei denNachbartischen löschen schon die Lichter, die Hoffenster sind dunkel geworden, das Grammophon schweigt. Auffällig dringlich kommt der Kellner vorbei. Er räumt die Tische nebenan ab, und jetzt erinnert sie sich der Zeit. »Ich glaube, ich muß jetzt gehen«, mahnt sie ihn, »um zehn Uhr zwanzig geht mein letzter Zug, wieviel Uhr ist es denn?« Er sieht sie böse an, aber nur einen Augenblick, dann beginnt er zu lächeln. »Sehen Sie, ich bessere mich schon«, sagt er beinahe heiter. »Wenn Sie mich das vor einer Stunde gefragt hätten, wäre der bissige Köter in mir gleich auf Sie losgefahren, aber jetzt kann ich es Ihnen schon wie einem Kameraden, so wie dem Franzi sagen: Ich habe meine Uhr versetzt. Nicht einmal so sehr wegen dem Geld, es ist nämlich eine schöne Uhr, Gold mit Brillanten. Mein Vater hat sie einmal gekriegt, wie er auf einer Jagd, wo der Erzherzog dabei war, die ganzen Fressalien zur höchsten Zufriedenheit besorgte und selbst die Küche geleitet hat, und Sie werden verstehen – Sie verstehen ja alles –, wenn man so auf einem Bau eine goldene Uhr mit Brillanten herauszieht, das sieht aus wie ein Neger im Frack. Und außerdem, dort wo ich wohne, wäre es nicht geheuer mit einer solchen Uhr, aber verkaufen hab’ ich sie nicht wollen, es ist so gewissermaßen noch eine eiserne Ration. So habe ich sie halt versetzt.« Er lächelt sie an, wie wenn ihm eine große Leistung gelungen sei. »Sehen Sie – das habe ich Ihnen doch jetzt ganz ruhig erzählt, ich mache doch schon Fortschritte.« Die Luft zwischen ihnen steht wieder klar wie nach einem Regen. Die krampfige Spannung ist gewichen, eine gute Erschöpfung kommt. Sie beobachten sich nicht mehr vorsichtig und ängstlich, sondern vertrauen einander. Etwas wie Freundschaft und Beruhigung ist plötzlich da. Sie gehen die Straße dem Bahnhof zu, und es ist gut, jetzt zu gehen, das Dunkel hat den Häusern die neugierigen schwarzen Augen zugestrichen und die ausgebrannten Steine atmen wieder Kühle. Aber je mehr sie sich dem Ziele nähern, desto nervöser und hastiger werden ihre Schritte: über dem weichen und eng geflochtenen Gewebe ihres Zusammenseins hängt schon das blitzende Schwert des Abschieds. Sie kauft ihre Fahrkarte. Als sie sich umwendet, sieht sie sein Gesicht. Es ist plötzlich wieder ganz anders, von der Stirn nieder fallen Schatten über die Augen, das dankbare Leuchten, das sie so beglückt gespürt hat, ist erloschen, 153
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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