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Rausch der Verwandlung
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bisher, und herrlich fühlt sie sich bestätigt in ihrem Sein und Sinn. Wundervoll ist das, endlich sich so geliebt zu fühlen, und plötzlich bricht in ihr das Verlangen auf, die Lust zu entgelten. Eine Entscheidung geschieht in ihr, blitzschnell und dem Gedanken voraus. Ein Ruck ist es, ein Riß. Sie wendet sich um, geht auf ihn zu und sagt, scheinbar überlegend (aber dies war schon unbewußt beschlossen): »Eigentlich … ich könnte ja noch mit Ihnen bleiben und dann morgen mit dem Frühzug fahren um fünf Uhr dreißig, da komme ich auch noch in meinen dummen Dienst zurecht.« Er starrt sie an. Nie hat sie geahnt, daß Augen so plötzlich aufleuchten können. Es ist, wie wenn ein Zündholz aufflammt in einem dunklen Zimmer, so ist jetzt alles licht, alles lebt in seinen Zügen. Er hat verstanden, alles verstanden mit der hellsichtigen Intuition des Gefühls. Plötzlich hat er Mut und faßt ihren Arm. »Ja«, sagt er, glänzt er, »ja, bleiben Sie, bleiben Sie … « Sie wehrt ihm nicht, daß er ihren Arm nimmt und sie wegzieht. Er ist warm und stark, dieser Arm, er bebt, er zittert vor Freude, und unwillkürlich geht dieses Beben in sie hinüber. Sie fragt nicht, wohin sie gehen, wozu fragen, es ist jetzt alles einerlei, sie hat sich entschieden. Sie hat ihren Willen weggegeben, freiwillig, und genießt dieses Hingegebensein. Alles ist entspannt in ihr und gleichsam ausgeschaltet, der Wille, das Denken, sie überlegt nicht, ob sie etwa diesen Mann liebt, den sie kaum kennt, ob sie ihn männlich will, nur das Losgelöstsein des Willens, das Unverantwortliche des Gefühls genießt sie, die Lust des Gelöstseins. Sie kümmert sich nicht, was nun geschehen wird, nur einen Arm spürt sie, der sie führt, und überläßt sich der Führung, willenlos, wie Holz, das im Wasser treibt und an den rasenden Geschwindigkeiten die schwindelnde Lust des Stürzens spürt. Manchmal schließt sie die Augen, um es völliger zu empfinden, dieses Geführtwerden, dieses Gewolltsein. Dann kommt noch einmal ein gespannter Augenblick. Er bleibt stehen und wird klein. »Ich hätte Sie so gern … so gern gebeten, zu mir zu kommen … aber … das geht nicht … ich wohne nicht allein … man muß durch ein anderes Zimmer gehn … wir können ja woanders … in irgendein Hotel … nicht in dem Ihren, wo Sie gestern … wir können ja … « »Ja«, sagt sie, »ja«, und weiß nicht wozu. Das Wort Hotel schafft ihr kein Grauen, es gibt ihr neuen Glanz. Wie durch eine Wolke sieht sie das spiegelnde Zimmer, die funkelnden Möbel, die brausende Stille der Nacht und den mächtigen Atem des Engadins auftauchen. »Ja«, sagt sie, »ja«, aus Träumen gewölbter, gehorsamer Liebe. 155
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Rausch der Verwandlung
Titel
Rausch der Verwandlung
Autor
Stefan Zweig
Datum
1982
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
204
Kategorien
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